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Belletristik

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Julia Alvarez: Im Namen der Salomé

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Carina v. Enzenberg
Julia Alvarez, bekannt geworden durch ihr Buch »Die Zeit der Schmetterlinge«, hat auch diesen Roman der Geschichte der Dominikanischen Republik, ihrem Geburtsland, gewidmet. Das Leben zweier berühmter Frauen bildet den roten Faden in diesem mitreißenden Roman: Salomé Urena und Camila Henríquez Urena.
Salomé Urena ist Nationaldichterin der Dominikanischen Republik. Sie wurde 1850 geboren und starb 1897, nachdem sie viele Jahre an Asthma gelitten hatte. Schon früh hatte sie heimlich begonnen zu dichten und einem Verehrer gelang es, ihre freiheitsfordernden Verse in den Tageszeitungen der Hauptstadt zu veröffentlichen. Herminia, so ihr Pseudonym wurde in dem von der Diktatur unterdrückten karibischen Land verehrt.
Was ist die patria? Diese Frage, aber auch die Frage der Liebe und vieles mehr beschäftigte Salomé. Doch sie durfte ihre Rolle als Herminia und als Frau nicht verlassen. Ihr wurde Enttäuschung entgegengebracht, wenn sie andere als die patria betreffende Verse schrieb. Manchmal drohte sie daran zu zerbrechen, und so schaffte sie sich eine weitere Lebensaufgabe und baute eine Schule für Mädchen auf. Die damals bestenfalls im guten Benehmen und Handarbeiten unterrichteten Mädchen lernten in ihrer Schule Lesen und Schreiben.
Salomés Tochter Camila, Professorin, blickt auf ein Leben in drei Ländern zurück: Kuba, Dominikanische Republik und USA. Ihre Heimat ist die Dominikanische Republik, sie wuchs in Kuba auf, weil der Diktator Trujillo ihr Geburtsland beherrschte und ihr Vater als ehemaliger Präsident aus dem Land fliehen musste. Nach vielen Jahren, die sie in den USA an der Universität unterrichtet hatte, geht sie in den Sechzigerjahren mit Mitte sechzig nach Kuba zurück und hilft dort das Land nach der Revolution aufbauen.
Mutter wie Tochter führten ein besonderes Leben. Beide kannten sich kaum: Salomé starb, als Camila drei Jahre alt war. Julia Alvarez spürt diesen beiden starken Frauen nach, versucht mit ihrer Recherche zu erahnen, wie sie lebten, was sie fühlten, wie sie Enttäuschungen und Freude erlebten. Es gelingt ihr, sie wieder lebendig werden zu lassen.

Piper 2003, 432 Seiten, Karton, 9,90 €

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Memo Anjel: Das meschugge Jahr

Aus dem Spanischen von Erich Hackl und Peter Schultze-Kraft
Im Medellín der Fünfzigerjahre erleben wir durch die Augen eines dreizehnjährigen Jungen die Glücksmomente und häuslichen Katastrophen einer weit verzweigten sephardischen Familie, in der geträumt, geliebt, erzählt, erfunden, gefeiert, gesündigt, verstoßen und vergeben wird. Ein Jahr lang dreht sich alles um die Erfüllung eines großen Traums: einer Reise in die Stadt aus Gold, Jerusalem.

Unionsverlag 2007, 186 Seiten, Karton, 8,90 €

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Moses Arndt: Chaostage

Millionen und aber millionen genetischer Informationen, die sich im Laufe eines Milliarde Jahre dauernden Evolutionsprozesses entwickelt haben suchen ihrem vorbestimmten Weg zu folgen. Moses Arndt, Punk und schon seit ewig dabei, schreibt über PUNK: über Sex, Alkohol, die nächste Party und Musik.
Die Protagonisten: ein Nazi-Skinheadgirl, die beim Sex keine politischen Vorbehalte hat, ein Autonomer, der vom ganz großen Schlag gegen das System träumt, eine Gruppe Punks, die von Party zu Party ziehen und - klar - die Büttel des Systems. Zwischen blow jobs, Konzerten und Schlägereien verflechten sich ihre Wege immer mehr, bis zum unaufhaltsamen großen Showdown! Vergeßt Tarantino, hier kommt das Leben! Die Geschichte ist eine Verkettung all dessen, was unter Punk assoziiert wird, in einer wunderbar direkten Sprache geschrieben mit dem Flair des authentisch nicht Authentischen.

Ventil Verlag 1999, Broschüre, 217 Seiten, 15,24 €

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Nanni Balestrini: Wir wollen alles - Roman der Fiatkämpfe

Balestrinis letzter Roman »I Furiosi - Die Wütenden«, eine rasante Achterbahnfahrt mit den Fans des AC Milan, wurde 1995 vom Autor im Buchladen Le Sabot eindrucksvoll vorgestellt. Seitdem kam nur noch das Sachbuch »Die goldene Horde« über die italienische Linke der 60er und 70er Jahre.
Sehr verdienstvoll also, dass das lang vergriffene »Wir wollen alles« nach über 30 Jahren wieder veröffentlicht wurde. In diesem Roman lässt Balestrini einen süditalienischen Arbeiter im Jahr 1969 über die Kämpfe in den Fiat-Fabriken erzählen. Als einer von zehntausenden ehemaligen Landarbeitern sieht er keine andere Perspektive, als in den Norden auszuwandern und zum Autoindustriearbeiter zu werden. Die klare und direkte Sprache, die tagebuchähnliche Erzählweise und die schnelle Abfolge von Reflexion und Aktion läßt hautnah nachfühlen, wie sich die Empörung über die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen in Wut und Rebellion wandelten. Spontan und massenhaft führten die Arbeiter Blockaden und wilde Streiks durch, die weder von den Unternehmen noch von den Gewerkschaften kontrolliert werden konnten. Schnell entwickelte sich aus dem Wunsch nach Arbeitserleichterungen ein allgemeiner Kampf gegen die Arbeit und für ein selbstbestimmtes Leben. »Wir wollen alles« endet mit einer furiosen Beschreibung des Turiner Aufstands vom 3. Juli 1969.
Ergänzt wird der Roman durch ein ausführliches Nachwort, das die Handlung in die politischen Verhältnisse von 1969 einbettet und ein aktuelles Vorwort, das den Bogen zur heutigen Zeit schlägt. Was wollen wir mehr, außer alles natürlich.

Assoziation A 2003, 168 Seiten, 12,00 €

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Nanni Balestrini: Die große Revolte

Im Oktober 1995 stellte der italienische Schriftsteller Nanni Balestrini zusammen mit seinem damaligen Übersetzer Dario Azzellini das Buch „I Furiosi – Die Wütenden“ im Bonner Buchladen Le Sabot vor, und es war gar nicht so einfach, sich das Bild, das man sich vom Autor angesichts der Schilderung von krawalligen ewig bedröhnten AC-Mailand-Hooligans vielleicht gemacht hatte, mit jenem seriösen Anzug tragenden sechzigjährigen Herren in übereinstimmung zu bringen, der da auf eine nette Art zurückhaltend aber locker Randale-Videos aus dem Fußballstadion kommentierte und bei der anschließenden Lesung offene Begeisterung für eine normalerweise eher suspekt anmutende Ultra-Szene hervor rief. Das geht sicherlich nicht allen so, aber wer bereit ist, sich auf die extrem subjektivistische Schreibweise Balestrinis einzulassen, (und darauf, ohne Interpunktion auszukommen,) kann kaum mehr an der Authentizität des Geschilderten zweifeln, hört und sieht den Hooligan vor sich erzählen, ebenso wie den Fiat-Arbeiter oder den Politaktivisten. Schon in den Sechzigern zählte Balestrini zur politischen Avantgarde der italienischen Literatur und wurde 1971 mit dem Roman „Wir wollen alles“ einer größeren öffentlichkeit bekannt. Aus der Sicht eines Landarbeiters aus Süditalien, der im Norden nach einer Existenzmöglichkeit sucht, werden die Arbeitskämpfe bei Fiat beschrieben, wilde Streiks, Besetzungen und Straßenschlachten gegen die alltägliche Ausbeutung in der Fabrik und die unweigerlich aufmarschierende Polizei, sobald die Arbeiter sich selbst organisieren und nicht mehr unter der Kontrolle der mit dem Unternehmen kooperierenden Gewerkschaften agieren. 1987 erschien „Die Unsichtbaren“ als Rückblick auf die italienische „77er Bewegung“, SchülerInnen und junge ArbeiterInnen, die den Kampf um ein besseres Leben in weite Teile der Gesellschaft ausbreiteten, und deren Gegenmodell letztendlich auch an den eigenen Widersprüchen aber eher noch an der brutalen staatlichen Verfolgung zerbrochen ist. Das 1989 erschienene Buch „Der Verleger“ beschreibt einen Ausschnitt aus dem Leben und Sterben eines linksradikalen Multimillonärs, Mitglied sowohl der linken Szene als auch der feinen Mailänder Gesellschaft, des Verlegers Giacomo Feltrinelli, der 1972 beim missglückten Versuch starb, einen Hochspannungsmast zu sprengen, um die Stromversorgung Mailands außer Kraft zu setzen. Alle drei Bücher bilden zusammen eine faszinierende, spannende, mitreißende und erschütternde Geschichte der italienischen Neuen Linken von 1968 bis 1980 und sind im Frühjahr 2008 in einem Band unter dem Titel „Die große Revolte“ erschienen.

Assoziation A 2008, 440 Seiten, Kartoniert, 24,00 €

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David Benioff: Stadt der Diebe

Leningrad im Januar 1942: Weil er während der nächtlichen Ausgangssperre die Leiche eines deutschen Soldaten nach Essbarem durchsucht hat, wird der 17-jährige Lew sofort verhaftet, denn auf Plündern steht die Todesstrafe. Nach endlosen Stunden in einer kargen Gefängniszelle wird er allerdings nicht aufs Schafott, sondern zusammen mit seinem Mithäftling Kolja vor den Geheimdienstchef der Stadt geführt. Der stellt die beiden vor eine schier unlösbare Aufgabe: Im Tausch gegen ihr Leben sollen sie innerhalb von sechs Tagen im ausgehungerten Leningrad zwölf Eier für die Hochzeitstorte seiner Tochter auftreiben. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der den schüchternen, introvertierten Lew schicksalhaft an Kolja schweißt, einen schlitzohrigen, charmanten Frauenhelden und notorischen Lügner, der ihm ständig schmerzhaft bewusst macht, dass er selbst so gar nicht zum Abenteurer taugt. Als die beiden die Hoffnung, in Leningrad Eier zu finden, aufgeben müssen, fasst Kolja einen aberwitzigen Plan: Er will sich mit Lew zu einer Geflügelfarm jenseits der feindlichen Linien durchschlagen, in ein Dorf südlich von Leningrad. Ein selbstmörderisches Unterfangen, wären da nicht Koljas Kaltschnäuzigkeit, eine unerschrockene Partisanin namens Vika und Lews Schachtalent …

Blessing 2009, 384 Seiten, Gebunden, 19.95 €

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Jacques Berndorf: Eifel-Blues

Knapp vier Stunden Hörvergnügen mit dem ersten Siggi-Baumeister-Krimi Eifel-Blues. Sprecher: Dietmar Bär und Günter Lamprecht
Der Fall: Es gibt drei Tote bei einem scharf bewachten Munitionsdepot in der Eifel. Die ganze Eifel weiß Bescheid aber keiner spricht darüber. Bald gerät Baumeister in die Fänge bundesdeutscher Geheimdienste und macht Bekanntschaft mit den Fäusten eines MADlers. Vielleicht haben sich die Morde aber doch auf rein privater Ebene abgespielt? Zusammen mit Kommissar Rodenstock begibt sich Baumeister auf die Spur...
Die Sprecher: Krimi-erfahren als Tatort-Kommissare lesen Dietmar Bär (Siggi Baumeister) und Günter Lamprecht (Kommissar Rodenstock) den ersten Fall des der Eifel-Krimis. Es macht Spaß den beiden zuzuhören und manchmal kann man den Eindruck bekommen, man säße in Baumeisters Wohnzimmer in der beschaulichen Eifel und könnte ihren Gesprächen lauschen.
Außerdem bei Lido erschienen sind Eifel-Wasser und Eifel-Liebe, hier tritt Claudia Amm als Sprecherin der Emma auf. Alles in allem sehr gelungene Hörbücher. Schade nur, dass sie nicht in chronologischer Reihenfolge erscheinen und auch nicht bekannt ist, ob die übrigen Fälle noch folgen.

LIDO, der Hörbuchverlag von Eichborn, 2003, erhältlich als MC oder CD, 19,90 €

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Klaus Bittermann: Little Criminals - Peinliche Verbrechen und andere Kleinigkeiten

Wer hat nicht einmal gegen das Gesetz verstoßen, ohne daß es einem zur Ehre gereicht hätte? Und hat nicht jeder im jugendlichen überschwang Dinge getan, die er nach reiflicher überlegung gern wieder rückgängig gemacht hätte?
Geschichten über fahrlässigen und groben Unfug, angerichtet in schlimmer Trunkenheit oder aus Gründen der Nervensägerei, Geschichten über Diebstahl, Mundraub, Einbruch, Betrug, Mordversuch, Drogenkonsum und andere Delikte dilettierender Kleinstkrimineller. Mit Beiträgen von Franz Dobler, Frank Goosen, Gerhard Henschel, Fanny Müller, Jan Off, Harry Rowohlt, Ralf Sotscheck, Fritz Tietz, Horst Tomayer, Hunter S. Thompson, Joseph von Westphalen, Jenni Zylka u.v.a.

Edition Tiamat 2007, 192 Seiten, kartoniert, 14,00 €

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Stefan Blankertz: 2068

Paris: Mai 1968. Aufstand der Jugend. Köln: Mai 2068. Aufstand der Alten. Leben Sie gesund? Tun Sie es lieber, sonst droht Entmündigung. Europa ist mit China verbündet. Die rote Fahne weht über Köln, der Hauptstadt der „deutschen Region“. überalterung, allgegenwärtige Kontrolle und eine reaktionäre Politik bestimmen das Leben, das zu einer Wüste aus „gesundheitspolitisch korrektem Verhalten“ wird. Nur eine mutige Gruppe entmündigter alter Menschen kämpft gegen die Sinnentleerung. Als der „graue Edgar“, einer der unangepassten Alten, bei einer Operation stirbt, wird seine junge Freundin Penelope zur Leitfigur des Widerstandes. Aber sie gerät zwischen die Fronten, als sie versucht, die mysteriösen Umstände von Edgars Tod aufzudecken. Ein packender Kriminalfall vor der lebendig skizzierten Kulisse einer zukünftigen Gesellschaft, in der »Gesundheit« der alles beherrschende Wert ist.

Emons 2007, 224 Seiten, kartoniert, 9,00 €

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T.C. Boyle: Ein Freund der Erde

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Werner Richter
Es sei direkt gesagt: diesmal hat der begnadete Schriftsteller einen Science-Fiction geschrieben. Aber allen, die so was auf den Tod nicht ausstehen können sei versichert: hier schweben keine Robots und Fabelwesen durch die unendlichen Weiten des Weltalls, und das Jahr 2025 liegt uns allemal näher als die Zeit, in der die meisten Romane T.C. Boyles bisher spielten.
Das Thema ist diesmal die Lebensbilanz eines ehemaligen Umweltschützers, der erkennen muss, das sein Engagement auch nicht viel dazu beitragen konnte, die Zerstörung der Grundlagen des Ökosystems aufzuhalten. Im Sommer brennt die Sonne gnadenlos alles nieder, im Winter regnet es ununterbrochen, ein ständiger Wechsel von Dürre, Überschwemmungen und anderer Naturkatastrophen hat zum Aussterben der meisten Pflanzen- und Tierarten geführt. Weit jenseits der Pensionsgrenze verdingt er sich als Zoowärter in einem absurden Museum der letzten überlebenden Exemplare diverser Tierarten, gesponsert von einem durchgeknallten Millionär, der ziemlich bald seinen Kopf an den letzten Tiger der Erde verliert. Typisch Boyle, wie es im gelingt, die blutigsten Szenen brüllend komisch darzustellen, ohne dabei platt oder effekthascherisch zu wirken.
Im Rückblick des traurigen Zoowärters entsteht das Bild einer radikalen Ökologiebewegung, ihrer Ideale und ihrer Korrumpierbarkeit, ihrer Erfolge und Mißerfolge und den Widersprüchen zwischen politischem wollen und privatem Handeln. Besonders eindrucksvoll sind die Beschreibungen von Aktionsformen, wie der Selbsteinbetonierung zur Blockade von Baumaschinen, oder die Verhinderung von Rodungsarbeiten durch die Verlegung des ständigen Wohnsitzes in einen Baumwipfel.
Diese Schilderung authentischer Ereignisse eingebunden in eine literarisch ausgefeilte Romanhandlung malt ein wesentlich plastischeres Bild als jede aus dem Medien bekannte Darstellungen von Castorwiderstand oder »Rettet-das-Klima«-Aktionen. Und unterhaltsamer und spannender ist sie allemal.

Dtv 2003, 400 Seiten, Karton, 9,50 €

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Petra Brumshagen: Scheinfrei

Job weg, Kasse leer und der drohende Rausschmiss aus der Wohnung das Chaos im Leben von Vicky könnte kaum größer sein. Dabei müsste sie sich eigentlich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten, damit sie endlich ihr Studium beenden und voll ins Leben durchstarten kann. Die Geldbeschaffungsmaßnahmen von ihr und ihren beiden Mitbewohnerinnen scheinen auch nicht recht zu fruchten: Toni ist aus lauter Verzweifelung unter die Flaschensammler gegangen und Hannah hat von ihrem letzten Geld ihren fetten Kater Nepomuk an eine Casting-Agentur vermittelt. Für, oder besser gegen das Chaos in Vickys Leben ist es auch nicht wirklich hilfreich, dass sie plötzlich Gefühle für Toni entwickelt, die eindeutig über eine platonische Freundschaft hinausgehen. Wird Vicky es in absehbarer Zeit schaffen, alle ihre Scheine zusammenzubekommen? Bekommt sie ihre Gefühle für ihre Mitbewohnerin Toni in den Griff oder steht die nächste unglückliche Liebe an? Und wird sie es endlich mal schaffen, pünktlich und gut vorbereitet bei einem Vorstellungsgespräch zu erscheinen? Zeit für Vicky, erwachsen zu werden. Auch wenn das Leben unter der Bettdecke viel einfacher ist.

Querverlag 2009, 267 Seiten, Kartoniert, 14.90 €

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Karel Capek: Der Krieg mit den Molchen

Aus dem Tschechischen von Eliska Glaserová
Kapitän van Toch entdeckt auf den indonesischen Inseln eine seltsame Molchart, die sich zu allerlei Arbeiten abrichten lässt. Manager wittern ein Riesengeschäft, ein gigantisches „Salamandersyndikat“ entsteht. Das Molchzeitalter scheint angebrochen. Doch bald sind die Tiere so clever, dass sie den Spieß umdrehen und ihre einstigen Herren bedrohen. Karel Capeks 1936 zwei Jahre vor seinem Tod erstmals veröffentlichter Roman ist endlich wieder lieferbar. Seine Mischung aus Satire und Science Fiction beschreibt unschwer erkennbar die Ausbeutung durch den Kapitalismus und den Aufstand der Unterdrückten. Leider sind hier die Illustrationen früherer Ausgaben nicht enthalten, aber das revolutionäre Layout ist teilweise übernommen und der Preis dem Einkommen der heutigen Ausgebeuteten angepasst.

Aufbau 2008, 328 Seiten, Kartoniert, 9.95 €

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Michael Chabon: Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay

Nicht mehr ganz neu, aber Buch des Jahres: Kavalier flieht mit sechzehn Jahren aus dem Ghetto im von den Nazis bestzten Prag. Er schafft es nach New York und trifft seinen Cousin Clay, mit dem er gemeinsam einen der ersten Superheldencomics entwickelt. Für Kavalier ist es der Versuch, gegen die Nazis zu arbeiten, für Clay der Weg raus aus Armut und engen Verhältnissen. Leicht ist es nicht. Wie sich ihre Wege auseinanderentwickeln, kreuzen und wieder zueinander finden ist unglaublich spannend, humorvoll und fantastisch erzählt, dass nach 800 Seiten ein biöchen Trauer darüber aufkommt, dass dieses schöne Buch schon zu Ende ist.

Knaur TB 2005, 12,90 €

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Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer
Ein irrwitziges literarisches Szenario – auch so hätte die Geschichte verlaufen können. Sechzig Jahre lang haben jüdische Flüchtlinge und ihre Nachkommen den Distrikt Sitka in Alaska aufgebaut und sich nach dem Holocaust und dem Zusammenbruch des Staates Israel im Jahre 1948 eine eigene kleine Welt erschaffen: eine Grenzstadt, in der das Leben trotz der klimatischen Widrigkeiten pulsiert und in der Jiddisch Umgangs- und Amtssprache ist. Doch jetzt soll der Distrikt an Alaska zurückfallen und sich die Geschichte wiederholen – erneut droht den Juden Vertreibung und Heimatlosigkeit.
Aber Meyer Landsman vom Morddezernat hat noch andere Probleme als die bald anstehende „Reversion“. Seine Ehe ist am Ende, er trinkt und steckt auch beruflich in einer Sackgasse: Nicht mal die Hälfte der Fälle ist gelöst. Sein neuer Chef ist seine Exfrau, und in dem billigen Hotel, in dem er wohnt, wurde ein Mord begangen. Das Opfer ist ein ehemaliges Schach-Wunderkind, und Landsman beginnt mit seinen Untersuchungen aus bloßer Routine und mit dem Gefühl, dass er dadurch vielleicht noch etwas gutmachen kann. Doch als von ganz oben die Anweisung ergeht, dass der Fall sofort zu den Akten gelegt werden soll, ermittelt Landsman mit seinem Partner auf eigene Faust und gerät tief in eine Welt, in der politische Ziele und religiöser Wahn eine gefährliche Allianz eingehen.
Der Roman ist packender Whodunnit, Liebesgeschichte und Hommage an die Krimis der 40er-Jahre in einem.

Kiepenheuer & Witsch 2008, 384 Seiten, Gebunden, 19.95 €

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Peter O. Chotjewitz: Mein Freund Klaus

Der Brisanz des Materials entspricht die Radikalität der literarischen Mittel. In diesem Roman liegen die Fakten auf dem Tisch. Stilsicher, kühn im Aufbau und dramaturgisch modern schreibt Chotjewitz über seinen Freund Klaus Croissant, der als Strafverteidiger schikaniert, als angeblicher Drahtzieher des internationalen Terrorismus verfolgt und nach der Annektion der DDR durch die Bundesrepublik 1990 wegen staatsfeindlicher Agententätigkeit abermals verurteilt wurde. Von 1931 bis 2002 reicht der beklemmende Bilderbogen dieser deutschen Unrechtsgeschichte. Jeder Rechtsspruch ein Rechtsbruch.

Verbrecher Verlag 2007, 576 Seiten, gebunden, 22.00 €

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Robert Cohen: Exil der frechen Frauen

Sie lieben ohne Trauschein die Väter ihrer Kinder und auch andere Männer, die ihnen gefallen. Drei unbeugsame Frauen fragen nicht nach ihrem Recht - sie nehmen es sich. Sie leben, die Zeit des Dritten Reiches erzwingt es, den schweren Alltag des immer wieder anderen Exils. Olga geht nach Brasilien, Maria lebt in Moskau, Paris, Madrid und anderswo, Ruth schlägt sich nach Paris durch. Immer unterwegs, begegnen Ihnen zahlreiche berühmte Zeitgenossen - Brecht, Seghers, Feuchtwanger, Thomas Mann, Stalin, Annemarie Schwarzenbach - und ebenso viele namenlose. Sie kämpfen für eine bessere Welt. Doch über allem schwebt bittersüß die Frage nach dem Wert ihres Lebens und dem wirklichen Sinn all der verlorenen Schlachten. Ein ebenso packender wie bewegender Roman über den deutschen Widerstand im Exil - anhand von drei verbürgten Frauenbiografien.

Rotbuch 2009, 624 Seiten, Gebunden, 24.90 €

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Mia Couto: Unter dem Frangipanibaum

Aus dem moçambiquanischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner
In Moçambique stoßen verschiedene Welten aufeinander: die politische Vergangenheit des ehemaligen Koloniallandes und postkommunistischen Staates, die Konflikte der Gegenwart und zeitlose, mythische und magische Geschichten. In einem Altersheim in der Provinz, wo ein Todesfall aufgeklärt werden soll, versucht Inspektor Izidine Naíta Klarheit in dem Gespinst der geheimnisvollen Aussagen der Bewohner zu gewinnen. Im Schatten des Frangipanibaums auf der Terrasse über dem Meer lauscht er allabendlich ihren merkwürdigen Geschichten. Dabei taucht er immer tiefer in ihre fantastische Welt ein und sieht sich zugleich auch mit der politischen Vergangenheit des Landes konfrontiert.
Mia Coutos sprachgewaltiger und poetischer Roman über Afrika, seine Mythen und deren Bedrohung in einer modernen Welt nimmt den Leser in faszinierende Bilderwelten mit, in flirrende Hitze und ans Meer.

Unionsverlag 2007, 160 Seiten, kartoniert, 8.90 €

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Michael Cunningham: Die Stunden

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Georg Schmidt
»Mrs. Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen.« So beginnt Virginia Woolf ihren Roman »Mrs. Dalloway«, für den sie lange nach einem Anfang gesucht hat. Auch der Tagesablauf zweier anderer Frauen hat mit Mrs. Dalloway zu tun: Da ist zum einen Clarissa Vaughan, Lektorin in New York, Spitzname Mrs. Dalloway, die sich auf den Weg macht, Blumen zu kaufen für ihren aidskranken Freund. Und da ist Laura Brown, die sich nicht losreißen mag von Virginia Woolfs Roman und sich zum Lesen in die Stille eines Hotelzimmers zurückzieht.
Drei Frauen, drei Generationen - alle drei leben in verschiedenen Jahrzehnten: Clarissa im pulsierenden New York der Neunziger, Laura in einer amerikanischen Kleinstadt der Fünfziger und Virginia Woolf in einem Landhaus in der Nähe Londons in den Zwanzigern. Jede der drei Frauen erleben wir an einem einzigen Tag - eines verbindet sie, Mrs. Dalloway.
Auf den ersten Blick scheinen die Frauen sehr unterschiedlich zu sein. Aber nach und nach merkt man, dass die sie beschäftigenden Themen wie Liebe und Tod, Einsamkeit und Freundschaft, genutzte und verpasste Chancen kein Verfallsdatum haben, gleichgültig, in welchem Jahrzehnt man sich gerade befindet. Am Ende werden die Verflechtungen zwischen diesen Frauen ganz klar sein - ein überraschendes Ende, das Michael Cunningham für seinen mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Roman gefunden hat. »Die Stunden« erscheinen zunächst ein wenig kompliziert aufgebaut. Je weiter man in den Text eindringt, um so mehr verfliegt dieses Gefühl. Es sind kunstvoll miteinander verstrickte Geschichten voller Melodie und atmosphärischer Dichte. Wie der Autor zwischen diesen Geschichten, diesen Jahrzehnten hin- und herspringt - das ist gleichermaßen virtuos wie spannend.

btb 2001, Karton, 295 Seiten, 9,00 €

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Juan Damonte: Ciao Papá

Aus dem argentinischen Spanisch von Peter Tremp
Der dreissigjährige Carlitos Tomassini, das literarische Alter ego des Autors, wird aus dem Gefängnis entlassen. Seine Onkel, Bosse der italienischen Mafia in Buenos Aires, wollen mit ihm ein Geschäft lancieren, vorausgesetzt er arrangiert sich mit ihnen und führt ein unauffälliges Leben. Doch daraus wird nichts. Unter dem ruck der Familie, verfolgt von den Schergen der Diktatur, verspricht er seiner Tante Berta, die gefoltert worden war, seinen linksextremen Cousin zu suchen. Zusammen mit seinem Freund, dem Dicken, macht er sich auf die Suche. Aufgedreht durch ihren Kokainkonsum, hinterlassen die beiden im Kampf gegen die Folterknechte der Diktatur eine blutige Spur durch die Hauptstadt. Ein rasanter Kriminalroman zu Zeiten der Militärdiktatur in Argentinien.
Eine Leseprobe gibt es hier.

LateinamerikaVerlag 2007, 188 Seiten, kartoniert, 14,80 €

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Friedrich Christian Delius: Mein Jahr als Mörder

Friedrich Christian Delius erzählt die Geschichte eines Berliner Studenten im Jahr 1968, der sich dazu entschließt, den ehemaligen NS-Richter Rehse, kurz nachdem dieser trotz der begangenen Verbrechen während des Nationalsozialismus freigesprochen wurde, zu erschießen. Rehse hat 1944 Georg Groscourth, einem Mitglied der Widerstandsgruppe "Europäische Union", zum Tode verurteilt. Georg Groscourth war mit Robert Havemann im Widerstand aktiv und gab u.a. Informationen, die er als Leibarzt des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess erhielt, an andere Widerstandsgruppen weiter. Wegen des Erstellens illegaler Flugblätter und wegen der Hilfe für JüdInnen und politisch Verfolgte wurde er 1944 hingerichtet.
In einem weiteren Erzählstrang berichtet Delius, wie es der Witwe Groscourths nach dem Krieg in Berlin ergangen ist und wie sie gegen die "Hydra", den deutschen Justizapparat, ankämpfen musste, um als Verfolgte des Naziregimes anerkannt zu werden. Während ehemalige Nazi-Richter wieder in den Staatsdienst eingesetzt werden, wird Anneliese Groscourth unaufhörlich von Repression verfolgt, weil sie sich für den Frieden einsetzt und um die Anerkennung der Taten ihres Mannes kämpft.
Bei den Recherchen über Rehse setzt sich der Ich-Erzähler damit auseinander, wie die Kriegsgeneration versucht, den Nationalsozialismus zu verdrängen. Dabei versucht er seinen Platz in der 68er Bewegung zu finden, was ihm nicht immer leicht fällt.
Spannend an dem Roman ist die Mischung aus fiktiven Elementen und historischen Tatsachen. Gerade die trockene und spröde Sprache Delius schlägt den Leser in seinen Bann und gibt dem Buch seinen ganz eigenen Stil.

Rowohlt 2006, Taschenbuch, 301 Seiten, 8,90 €

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Christian von Ditfurth: Mann ohne Makel

Josef Maria Stachelmann ist Historiker und Dozent an der Hamburger Uni und arbeitet an seiner Habilitation über den deutschen Nationalsozialismus. Genauer gesagt, er sammelt Material dafür und das seit Jahren, ohne auch nur einen einzigen Satz zu Papier gebracht zu haben.
Da kommt Ablenkung gerade recht: Ein alter Studienfreund meldet sich, ebenfalls ehemaliger Uni-Revoluzzer, jetzt leider bei den Bullen beschäftigt. Das Anliegen ist auch eher beruflich. Es geht um eine Mordserie, bei der systematisch die Familienangehörigen eines angesehenen Hamburger Maklers umgebracht werden.
Während die Bullen im Dunkeln tappen und auch noch eine ermittelnde Kommissarin durch einen Anschlag verlieren, nähert sich Stachelmann dem Fall mit dem Blick des Historikers. Als ihm klar wird, dass die Lösung des Falls in der NS-Vergangenheit einiger Hamburger Bürger zu suchen ist, wird er vor eine heranrollende U-Bahn gestoßen...
Auch wenn der Plot nicht völlig überzeugt, das Buch beeindruckt durch die mit vielen Makeln behaftete aber sympathische Hauptfigur, die erfahren muss, dass auch die eigene Familiengeschichte nicht erst nach 1945 begann.

KiWi 2004, 378 Seiten, Karton, 7,90 €

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Jessica Durlacher: Emoticon

Aus dem Niederländischen von Hannie Ehlers
Die Geschichte von Daniel, einem niederländisch-israelischen Jugendlichen, und von Aischa, einer jungen Palästinenserin, die für die Weltöffentlichkeit ein Zeichen setzen will und ihn in eine tödliche Falle lockt. Ihr Lockmittel: das Internet und seine Zeichensprache, die Emoticons. Das facettenreiche Portrait eines zerrissenen Landes. Jessica Durlacher schreibt ohne jeden moralischen Rigorismus, doch mit viel Empathie und einem Hauch von Ironie.

Diogenes 2008, 479 Seiten, kartoniert, 9.90 €

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Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre

Thursday Next ist Agentin einer Spezialeinheit, deren Aufgabe es ist, Literatur vor Fälschungen zu schützen. In ihrer sonderbaren Welt steht England seit 130 Jahren im Krimkrieg, Wales ist eine autonome sozialistische Republik, und wenn das Originalmanuskript eines literarischen Werks verändert wird, ändern sich automatisch alle späteren Nachdrucke dieses Buches.
Das will sich der Erzschurke Acheron Hades zu Nutze machen. Mit Hilfe einer Erfindung, die es ihm ermöglicht, sich direkten Zugang in Literatur zu verschaffen, entführt er Jane Eyre aus dem Roman von Charlotte Bronté, um ein fettes Lösegeld zu erpressen. Außer mit Hades und seinen Handlangern muss sich Thursday auch noch mit Jack Schitt, dem Repräsentanten der mächtigen Goliath Corporation herumschlagen. Wird es Thursday trotzdem gelingen Jane Eyre unversehrt zu retten, nebenbei den Krimkrieg zu beenden und auch noch die drohende Hochzeit ihrer Jugendliebe zu verhindern?
Natürlich nicht. Aber vielleicht könnte Jane Eyre eine kleine Korrektur nicht schaden. Denn das Ende dieses Meisterwerks, wo Jane am Schluss diesen langweiligen Handlungsreisenden heiratet und nach Indien auswandert, fanden doch alle immer schon ziemlich doof.

Eine leichte lockere Schmonzette, ein spannender Thriller und ein intelligentes Stück Fantasy in einem Buch, das soll Jasper Fforde erstmal jemand nachmachen. Nicht nötig übrigens: Thurday Next's zweiter Fall ist auch schon erschienen.

DTV 2004, 375 Seiten, kt., 14,50 €

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Sabine Friedrich: Nachthaut

15 Jahre nach ihrem Abitur treffen sich Irmi und Susanne auf einem Klassentreffen wieder. In jener Stadt, in die niemals zurückzukehren sie einander geschworen hatten. In der Irmi nun doch wohnt und in die Isa, die kurz vor dem Abitur verschwand, auch jetzt nicht zurückkehrt. Susanne wird Isa suchen. Irmi wird Susanne suchen. Isa sucht niemanden. Sie werden finden, was sie nicht vermutet hatten, erleben, was sie nicht geglaubt hätten und begreifen, was sie nicht hatten sehen wollen. Und eine jede wird verändert zurückkehren auf ihre persönliche Insel.
Sabine Friedrich läßt schöne und schnörkellose Sätze zu mächtigen und komplexen Bildern zusammenfließen. Scheinbar von außen beschrieben, bewegen sich die Frauen durch ihre Geschichte; dennoch sind wir gezwungen, jedes dieser Leben selbst mitzuerleben. In der Jugend dreier Mädchen in einer Provinz-Kleinstadt der 70er Jahre liegen die Wurzeln für die verschiedenen Leben dreier Frauen. Die Verbindungen zwischen ihnen werden nur langsam sichtbar, und es ist eine spannende Reise, von der man sich wünscht, sie würde noch ein bißchen weiter gehen.

Goldmann 2002, Karton, 282 Seiten, 8,50 €

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Anna Gavalda: Zusammen ist man weniger allein

Philibert, von verarmtem Adel, ist zwar ein historisches Genie, doch wenn er mit Menschen spricht, gerät er ins Stottern. Camille, magersüchtig und künstlerisch begabt, verdient sich ihren Lebensunterhalt in einer Putzkolonne, und Franck schuftet als Koch in einem Feinschmeckerlokal. Er liebt Frauen, Motorräder und seine Großmutter Paulette, die keine Lust aufs Altersheim hat. Die vier grundverschiedenen Menschen gründen eine verrückte Wohngemeinschaft in Paris, und das kann ja nur schiefgehen, oder? Am Anfang krachts auch gewaltig, aber immer mehr kommen sie sich näher. Da Buch ist sehr witzig und traurig zugleich und wunderbar detaillierte Schilderungen alltäglicher Ereignisse treffen auf völlig abgedrehte Geschichten. Am Schluss wird’s ein bißchen zu..., aber halt, nix verraten, spannend soll es ja auch bleiben.

Fischer 2006, 550 Seiten, Taschenbuch, 9,95 €

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Monika Geier: Stein sei ewig

Nachdem Kriminalkomissarin Bettina Boll im vorigen Band überraschend zweifache Alleinerziehende wurde, muss sie und ihr Kollege Willenbacher sich dieses Mal mit einem Kunstraub der ländlichen Art herumschlagen.
Dieser Kunstraub stellt sich jedoch schnell als Bagatellfall – Diebstahl einiger Plakate – heraus. Dann wird aber ein Aktmodell vor einer ganzen Malergruppe inklusive Bettina Boll und Willenbacher ermordet. Die Kunstszene in der kleinen Großstadt Lautringen steht Kopf. Architekten und KunststudentInnen geraten unter die Verdächtigen. Unter einem anonymen Kunstwerk, das Ähnlichkeiten mit einem Grab hat, taucht eine weitere Leiche auf...

Monika Geier legt Wert darauf, keine Regional-Krimis zu schreiben. Ihr dritter Fall »Stein sei ewig« spielt trotzdem wieder mitten im Pfälzer Wald. Der gelungene Plot und die ironischen, zuweilen sarkastischen Figuren erinnern an ihr erstes Werk »Wie könnt ihr schlafen«. Durch mehrere Erzählfäden und wechselnde Perspektiven bleibt die Handlung durchgehend spannend.

Argument Verlag 2003, 429 Seiten, Karton, 11,00 €

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Monika Geier: Wie könnt ihr schlafen & Neapel sehen

Monika Geier ist ein neuer Stern am Krimihimmel. Die rothaarige Kriminalkommissarin Bettina Boll und ihr Kollege Willenbacher ermitteln in Mordfällen in der Pfalz auf dem Land. Mit viel Wortwitz und einem tiefen Blick in die Psyche eine Dorfes lässt Monika Geier Intrigen und dunkle Geheimnisse ans Tageslicht kommen. Die Spannung steigert sich und das ganze endet in einem Showdown, das einen erschöpft das Buch zuklappen lässt.
Damit steht dieser Krimi in der Tradition gutgeschriebener Krimis. Leider hat sich die Autorin mit ihrem zweiten Buch nicht ausreichend Zeit gelassen: Neapel sehen ist von der Story her lange nicht so dicht und schlüssig. Gar zu sehr vergräbt sich die Autorin in das Außenseiterdasein von Dicken, Pickligen und Prostituierten. Ihr Versuch, der Handlung durch eine überraschende Wendung einen besonderen Kick zu geben und eine für manche eher unerwartete verdächtige Person zu präsentieren, wirkt arg konstruiert. Außerdem haben sich allzu viele Längen in den Roman eingeschlichen.
Dagegen ist aber der erste Fall unbedingt zu empfehlen! Monika Geier hat ein Gespür, sprachlich Stimmungen heraufzubeschwören und zu erfassen, dass es einen so fesselt, wie das von einem guten Krimi zu erwarten ist. Hoffentlich schreibt sie weiter und lässt sich genug Zeit dabei.

Argument Verlag 1999, 379 Seiten, 11,00 €
Argument Verlag 2001, 351 Seiten, 10,50 €

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Kjell E. Genberg: Das JAS-Komplott

Aus dem Schwedischen von Erik Gloßmann
Ex-Terrorist Tilly Morgenstern, angeblich DDR-Bürger, bittet um politisches Asyl in Schweden. Als die Sicherheitspolizei SIPO seine wahre Identität ermittelt, ist es zu spät: Tilly ist schwedischer Staatsbürger. Seinen Wunsch ein bürgerliches Leben zu führen wei die SIPO aber zu verhindern und so startet er eine Karriere als Tresorknacker und landet hinter Gittern. Obwohl er sich keine Chancen ausrechnet hatte, wird plötzlich sein Antrag auf Hafturlaub genehmigt. Am ersten Morgen „in Freiheit“ prangt Tillys Bild auf allen Titelseiten! Er soll den Botschafter eines Balkanlandes in die Luft gejagt haben. Der vermeintliche Botschafter war als Spion auf die Flugzeuge der schwedischen JAS-Serie angesetzt. Um die wahren Mörder zu decken wird Tilly zum Sündenbock gemacht und von SIPO und CIA gnadenlos gejagt.

Neuer Europa Verlag 2007, 232 Seiten, gebunden, 12,90 €

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Gisela Getty, Jutta Winkelmann & Jamal Tuschick: Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen

Zwei Zwillings-Mädchen wachsen im Kassel der Fünfziger auf, studieren Kunst und machen Filme in den Sechzigern, stürzen sich in die Politik und ziehen weiter nach Rom, Anfang der Siebziger. Dort tauchen sie ein in die Tempel der High Society und in Abbruchhäuser, die der Mafia gehören. Da begegnen die beiden ihrem amerikanischen Traum: Paul Getty, dem Enkel eines Milliardärs. Sie ziehen mit ihm zusammen, aber bald danach wird der junge Getty entführt, ihm wird, um die Zahlung von Lösegeld zu erpressen, das Ohr abgeschnitten, und das Leben der Zwillinge ändert sich über Nacht. Dieses Buch erzählt ein Leben, das sich ein Romancier nicht hätte ausdenken können, erzählt von der Macht und Tragik des Zwilling-Seins und davon, dass es von der Hölle zum Himmel und umgekehrt nicht weit ist.

Weissbooks 2008, 390 Seiten, gebunden, 22,00 €

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William Gibson: Mustererkennung

Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Holfelder-von der Tann & Christa Schuenke
Cayce Pollard ist eine teure Marketing-Beraterin, deren geheimnisvolle Intuition ihr wichtigstes Hilfsmittel ist: Sie besitzt eine besondere Sensibilität für Markenlogos. Während sie in London das neue Logo eines Weltkonzerns testet, wird ihr ein Auftrag angeboten: Seit einiger Zeit tauchen im Netz seltsame Filmclips auf, die weltweit einen Kult ausgelöst haben. Cayce soll herausfinden, wer dahintersteckt. Als Unbekannte in ihre Wohnung und in ihren Computer eindringen, wird ihr klar, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Doch Gefahr hat sie noch nie abgeschreckt...
William Gibson wurde 1948 in South Carolina geboren und lebt heute in der Nähe von Vancouver. Mit seinem ersten Roman ›Neuromancer‹ (1984) etablierte er das neue Genre des Cyberpunk. Inzwischen gilt er als ein Klassiker der Science-fiction-Literatur.

DTV 2006, 460 Seiten, Karton, 9,90 €

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Wendy Guerra: Alle gehen fort – Eine Jugend im revolutionären Kuba

Schon als Mädchen vertraut Nieve ihrem Tagebuch an, was sie niemandem zu erzählen wagt. Sie wächst mit ihrer schrägen Hippie-Mutter und deren schwedischem Freund in Cienfuegos auf. Das unbeschwerte Leben findet ein jähes Ende, als das Sorgerecht ihrem gewalttätigen, alkoholkranken Vater zugesprochen wird und Nieve zu ihm in die Berge ziehen muss. Es beginnt eine Zeit der Demütigungen, des Hungers und der Schläge. Sieben Jahre später ist das Tagebuch noch immer Nieves bester Freund und ihr bestgehütetes Geheimnis. Sie ist mit ihrer Mutter nach Havanna gezogen, und ihr Haus wird zum Treffpunkt von Intellektuellen und Künstlern. Hier werden die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse der achtziger Jahre diskutiert, wie die ersten großen Flüchtlingswellen oder der Zustand der Revolution. Nieve studiert Malerei; sie sucht nach ihrem künstlerischen Ausdruck und nach ihrem Platz im Leben. Um sie herum wollen alle nur eines: weg von der Insel. Als Erster geht der Vater, dann der Schwede, aber auch Freunde und Bekannte, Nieves erste Liebe. Die einen flüchten, andere können aufgrund von Privilegien frei ein- und ausreisen. »Nur sie allein« bleibt auf der Insel zurück. Mit einer unkindlichen Distanz berichtet Nieve in einer knappen, aber umso eindringlicheren Sprache von familiärer und sozialer Gewalt. Ein undogmatischer, schonungsloser Blick in den kubanischen Alltag der 70er und 80er Jahre.

Lateinamerika Verlag 2008, 283 Seiten, Gebunden, 22.00 €

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Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren

Seit fünfzehn Jahren studiert Vittorio Kowalski das Wetter in einem fernen Alpendorf. Er kennt Wetterlage, Niederschlagsmenge und die Anzahl der Sonnenstunden eines jeden Datums. Mit diesem kuriosem Spezialwissen wird er sogar Wettkönig bei Wetten, dass ..? . Niemand kann sich diese Leidenschaft erklären - außer einer jungen Frau in dem Urlaubsort seiner Kindheit. Anni war die Tochter der Zimmervermieter, Vittorio der Sohn der deutschen Urlaubsgäste. Die beiden Kinder verbrachten jeden Sommer gemeinsam - bis sie in ein Jahrhundert-Unwetter gerieten. Ein höchst amüsanter Liebesroman, ein außergewöhnliches Buch, ein neuer Bestseller von Wolf Haas.

DTV 2008, 223 S., Kartoniert, 8.90 €

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Maarten ´t Hart: Das Wüten der ganzen Welt

Wer erschoss den Dorfpolizisten? Und warum? Diese Frage begleitet das Leben eines Heranwachsenden in der niederländischen Nachkriegszeit. Der wunderschönen Neuausgabe liegt eine CD mit vom Autor gesprochenen Texten und den Klavierstücken des Buches bei.

Piper 1999, 410 Seiten, Karton, 9,90 €
Arche 2001, 410 Seiten & CD, gebunden, 12,50 €

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Uta-Maria Heim: Wespennest - Der Sieg des Rattenprinzips

„Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter!“ Mit 86 haut der rote Karle noch einmal richtig auf den Tisch. Vom Nazi-Terror über den RAF-Terrorismus bis zum weltweiten Wirtschaftskollaps - Furcht, Schrecken und Dummheit sind einfach nicht totzukriegen. Doch im Ländle rumort es. Auf zum Widerstand! Während in Baden-Baden die postbürgerliche Revolution tobt, regt sich auch in Stuttgart Protest. Und Karle holt in Schramberg die Waffe aus dem Schrank. Uta-Maria Heim hat ihr Krimidebüt "Das Rattenprinzip" nach 18 Jahren vom Kopf auf die Füße gestellt. Da ist Schluss mit lustig: Aus dem elastischen Wendehals wird der knallharte Klassenfeind. Kein Wunder, wenn sich öfter mal eine Kugel verirrt. Der Sieg des Rattenprinzips verläuft selbst für echte Heldinnen und Helden tragisch.

Gmeiner 2009, 279 Seiten, Kartoniert, 9.90 €

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Dara Horn: Die kommende Welt

Aus dem amerikanischen Englisch von Christiane Buchner und Miriam Mandelkow
New York. Auf einer Singleparty im Jüdischen Museum wird ein wertvolles Chagall-Gemälde gestohlen. Der Dieb ist Benjamin Ziskind, ein kauziger jüdischer Intellektueller, der einst als Wunderkind Furore machte und heute Fragen für eine Quizshow schreibt. Er ist davon überzeugt, dass das Gemälde seiner Familie gehört, und so klemmt er es unter den Arm und spaziert aus dem Museum. Dara Horn legt die Geschichte des Kunstwerks frei, die auf geheimnisvolle Weise mit der Geschichte der Ziskinds verknüpft ist.

BvT 2007, 383 Seiten, kartoniert, 10.50 €

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Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur

Endlich wieder in einer preiswerten Neuauflage lieferbar: Es ist nicht nur der surreale Horror dieser turbulenten Großdeutschland-Parodie die sie zu einem Klassiker macht. Nicht nur diese Geschichte von der Höllenfahrt des gelernten Friseurs und späteren SS-Oberscharführers Max Schulz aus der deutschen Provinzstadt, der, als Massenmörder an Tausenden von Juden nach dem Krieg gesucht, in der Identität seines durch ihn umgekommenen jüdischen Jugendfreundes Itzig Finkelstein mit einem Sack voll Goldzähnen auf dem Schwarzmarkt in Berlin sein Geld macht und schließlich unangefochten nach Israel auswandert. Der Erfolg gilt auch einem literarischen Meisterwerk, der Entdeckung eines großen Satirikers und seiner Sprache, »die wild wuchert und doch oft genug trifft, eine düstere und auch stille Poesie entfaltet«, wie Heinrich Böll schrieb.

DTV 2006, 476 Seiten, Karton, 10,00 €

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Siri Hustvedt: Die Leiden eines Amerikaners

Vom trügerischen Glück und der Gefährdung der Liebe Brooklyn zu Beginn des neuen Jahrtausends: Psychiater Erik Davidsen erzählt von einem bewegten Abschnitt seines Lebens. Es scheint ein «Jahr der Geheimnisse», das Jahr, in dem sein Vater stirbt und im Nachlass Briefe gefunden werden, die auf ein dramatisches Ereignis in dessen Jugend hindeuten. Das Jahr, in dem seine Schwester von einer Unbekannten verfolgt und belästigt wird. Das Jahr, in dem eine betörend schöne Jamaikanerin in Eriks Haus zieht, die jedoch etwas zu verbergen scheint...

Rowohlt 2009, 416 Seiten, Kartoniert, 9.95 €

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John Irving: Die vierte Hand

Es treten auf: Ein Journalist, der seine Hand verliert, ein Frau, die die Hand ihres toten Mannes spendet und lebenslanges Besuchsrecht für sie erhält, ein Handchirurg, der nichts isst und ein Hund mit Koprophagie. Was für ein Roman!

Diogenes 2002, 439 Seiten, Gb., 22,90 €

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»Metro« im Unions Verlag

Ein Jazzpianist schreibt über einen Jazzpianisten. Bill Moody führt durch die Jazz-Szene Kaliforniens durch verqualmte Bars und Spielcasinos. Daraus entsteht ein Krimi, der uns auch die böse Welt des Managements und der Musikindustrie zeigt. Der Plot um die Erpressung eines Musikers und die Ermordung eines Produzenten bleibt zwar etwas wirr und unbefriedigend, aber der Reiz des Buches entsteht aus der kenntnisreichen Schilderung des Musikgeschäfts und der unverhohlen dargebrachten Widmung an die Musik. Eine der Hauptfiguren wurde nach dem Vorbild des Musikers Lou Rawls geschaffen, mit dem der Autor selbst zusammengespielt hat. Bill Moody arbeitet als Musiker und Schriftsteller in San Francisco.
Casey Jones, die Heldin von Katy Munger’s Krimi »Beinarbeit« ist schon eher von der harten Sorte. Sie arbeitet als bodyguard einer demokratischen Politikerin in North Carolina, was ja eigentlich schon schlimm genug ist. Zwischen korrupten Politikern, dummen Bullen, Frozen Margaritas und Muskelaufbauübungen muss sie auch noch den Mord an einem Immobilienhai aufklären. Eine ziemlich direkte Sprache verbindet sich mit einer flotten Handlung, die keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass es nicht nur Spaß macht, in den Südstaaten zu leben. Katy Munger lebt dort und ist Mitglied der feministischen Schriftstellerinnen-Vereinigung »Tart Noir«.
Die Reihe UT metro bringt interessante Krimis, nicht nur aus den USA, sondern aus allen Kontinenten. Die eigentliche Krimi-Handlung ist nicht generell völlig ausgefeilt, glänzt aber immer durch die detaillierte und gefühlvolle Darstellung des jeweiligen Milieus. Mit Altmeister Chester Himes erfahren wir immer wieder Harlem neu, mit Celil Okers Istanbuler Privatdetektiv erfahren Leserin und Leser auch einiges über die Verhältnisse in der heutigen Türkei. Die bisherige Krönung sind die Bücher des leider jüngst verstorbenen Jean-Claude Izzo, die in den proletarischen MigrantInnenvierteln Marseilles spielen. Auch hat er endlich mal wieder eine Hauptfigur, die, erst als Bulle tätig, konsequenterweise für einen Krimi, der linke Positionen auf konkrete Realitäten anwendet, aus dem Apparat aussteigt, um diesen und diverse Formen des Nationalismus radikal zu bekämpfen. Hoffentlich wird auch der dritte Band das Niveau halten.

Jean-Claude Izzo: Total Cheops; Unions 2000, 250 Seiten, Karton, 8,90 €
Jean-Claude Izzo: Chourmo; Unions 2000, 298 Seiten, Karton, 8,90 €
Jean-Claude Izzo: Solea; Unions 2001, 223 Seiten, Karton, 8,90 €
Bill Moody: Solo Hand; Unions 2001, 237 Seiten, Karton, 8,90 €
Katy Munger: Beinarbeit; Unions 2001, 284 Seiten, Karton, 8,90 €

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Wolfgang Kaes: Herbstjagd

Der Autor ist ehemaliger Redakteur des Bonner Generalanzeigers und schreibt trotzdem richtig gute Krimis und die spielen in Bonn. Den kantigen und alles andere als autoritätshörigen Kommissar Morian begleiten wir in die Bonner Südstadt oder in Paolo Gratanellas Trattoria in Duisdorf, Morians Kollegin wohnt direkt neben dem Rex-Kino in Endenich. Ein befreundetes Team leicht James-Bond mäßiger Privatdetektive nimmt uns auf Ausflüge nach Köln-Mülheim oder in den Media-Park mit. Neben soviel Lokalkolorit sind Kaes' Krimis nicht nur gut aufgebaut und ganz schön spannend sondern auch immer auf den Spuren gesellschaftspolitisch relevanter Entwicklungen und das auf korrekte Art. Hier geht’s um das Thema Stalking, krimigemäß in seinen Extremformen dargestellt, aber fachkundig erläutert und immer auch unter Berücksichtigung der Opferperspektive. Es gibt wenig gute Bonn-Krimis. Dies ist einer.

Rowohlt 2006, 508 Seiten, Karton, 8,90 €

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Fatou Keita: Die stolze Rebellin

Aus dem Französischen übersetzt von Sigrid Groß
Die kleine Malimouna lebt glücklich in einem Dorf mit festen Regeln und geachteten Bräuchen, bis sie ungewollt Zeugin eines Tabubruchs wird. Mit diesem Wissen und einer List kann sie die traditionelle Beschneidung von sich abwenden. Doch ihr Geheimnis wird offenbar, als sie mit vierzehn Jahren zwangsverheiratet wird. Die »Hochzeitsnacht« wird zum Alptraum, aber Malimouna gelingt die Flucht. Von der Hauptstadt gelangt sie nach europa. Das Leid der Frauen in ihrer Heimat ist für sie Ansporn, sich zu bilden und ein Studium zu absolvieren. Als erwachsene Frau kehrt sie mit ihrem französischen Geliebten nach Afrika zurück, doch die Beziehung scheitert. Erst als Malimouna mit einem Landsmann verheiratet ist und Mutter wird, scheint sie endlich glücklich zu sein.
Fatou Keita hat ihren ersten großen Prosatext wie einen klassischen Entwicklungsroman gestaltet. Ihr Sprachstil passt sich unaufdringlich der inneren Verfassung der Protagonistin an. Die junge Malimouna ist aufgrund ihrer Traumata sehr verschlossen, erst im Laufe ihres Erwachsenenlebens wird sie offener und kann auch aktiv gegen Ungerechtigkeiten angehen. Den dramatischen Höhepunkt erreicht der Roman, als die Ehe zerbricht und Malimouna ein weiteres Mal der grausamen Härte der männerdominierten traditionellen Gesellschaft ausgeliefert ist, während sie gleichzeitig als Aktivistin einer Frauenorganisation große Anerkennung erfährt. Mit Freundinnen und Frauen aus allen Schichten ihres Landes wehrt sie sich gegen Klitorisbeschneidung und weibliche Diskriminierung und kommt dabei ihrer eigenen Befreiung einen großen Schritt näher.
Fatou Keita, in der Elfenbeinküste eine erfolgreiche Autorin, hat einen engagierten Roman gegen Verstümmelung von Mädchen und für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen geschrieben. In seinem Mittelpunkt steht nicht die Schilderung der grausamen Rituale, sondern das Leid der Frauen, ihre Anstrengungen und ihre Solidarität.

Frederking & Thaler 2000, gebunden, 165 Seiten, 18,45 €
Ullstein 9/2003, Karton, 176 Seiten, 6,95 €

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Yasmina Khadra: Die Attentäterin


Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe
Amin Jaafari ist ein hoch angesehener Arzt in Tel Aviv - und ein arabischer Israeli. Umso rascher gerät er unter Verdacht, als die Polizei herausfindet, dass seine Frau in Tel Aviv als Selbstmordattentäterin ein Restaurant sprengte. Jaafari kann es nicht fassen, dass er von dem Plan seiner Frau nichts wusste. Er reist nach Bethlehem und Dschenin, in die Zentren des palästinensischen Widerstandes. Unbeirrt versucht Jaafari, die Verantwortlichen zu finden, die seine Frau zu einer „Schwarzen Witwe“ gemacht und sein Leben zerstört haben.

DTV 2008, 272 Seiten, Kartoniert, 9.90 €

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Fatos Kongoli: Die albanische Braut

Aus dem Albanischen von Joachim Röhm
Im März 1991 wollen mehrere tausend Albaner mit einem Ozeandampfer nach Italien fliehen. Thesar Lumi verläßt den Dampfer kurz vor der Abfahrt. Für ihn, so glaubt er, ist es zu spät zur Flucht.
Er beschreibt sein Land in der gegenwärtigen Situation und erzählt verschiedene, eindringliche Episoden aus seiner Vergangenheit: Wie er in seiner Schulzeit das Geheimnis, daß sein Onkel geflohen war, niemandem erzählen durfte, weil seine Zukunft und die seiner Eltern davon abhing. Von der Wichtigkeit, auf der Universität die richtigen Freunde zu haben und wie schnell aus diesen für die Gesellschaft die falschen Freunde wurden. Er erzählt von verlorenen Liebsten, von Bespitzelungen, von der Trostlosigkeit seines Alltags und von der entwürdigenden Arbeit in einer Zementfabrik. Die Fabrik war die Hölle, und in der Hölle landen Sterbliche zur Verbüßung ihrer Sünden bis in alle Ewigkeit, wenn sie bereits tot sind, und wir waren solche Sünder, also bereits tot. Fatos Kongoli hat einen düsteren, von unzähligen Schnapsflaschen durchdrungenen Roman geschrieben, der gerade in seiner Schlichtheit spannend und ergreifend ist.
Viele Fragen über Albanien werden beantwortet, aber noch mehr neue Fragen tauchen auf, auf die es bisher noch keine Antwort gibt.

Fischer 2003, Karton, 240 Seiten, 9,90 €

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Thomas Kraft: Beat Stories

Achtzig deutschsprachige Autoren begeben sich auf einen Trip, zurück in die Zeit der Beat- und Rockmusik der 60er und 70er Jahre. In persönlichen Erinnerungen werden Momente und Geschichten aus der eigenen Jugend lebendig, als ein einziger Song die ganze Welt retten konnte. Oder zumindest einen Sommerabend. Eine literarische Liebeserklärung an die „beste Musik aller Zeiten“, von den Stones über Iron Butterfl y bis Leonard Cohen.

Blumenbar 2008, 320 Seiten, kartoniert, 19.90 €

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Lisa Kuppler: Queer Crime

In dieser Sammlung lesbisch-schwuler Kriminalgeschichten finden sich Berühmtheiten wie Thea Dorn und Michael Nava neben zumindest hierzulande nahezu unbekannten AutorInnen. Dennoch haben sie Gemeinsamkeiten: Ganz gleich, ob als TäterIn, KommisarIn oder DetektivIn; die Figuren in diesen Kurzkrimis morden und ermitteln ohne Rücksicht auf Verluste - und sogar im Hetero-Milieu. Wenn sie tatsächlich einmal Opfer werden, kann man sicher sein, daß kein Fleckchen Blut am Designeranzug klebt, die tödliche Kugel keinen BH durchbohren mußte und auf jeden Fall das Make-up perfekt sitzt.

Querverlag 2002, 303 Seiten, Karton, 15,50 €

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Svealana Kutschke: Etwas Kleines gut versiegeln

„Ist das Leben ein seltsames Höhlensystem?“, fragt sich Lisa, als sie ihr Fotografiestudium abbricht, auf einen Brückenbogen klettert und die Kamera auf die Bahngleise wirft. Australien ist ihr gerade weit genug. Sie geht nach Sydney, wo sie bei Marc wohnt, dem fürsorglichen Ex-Freund ihres Bruders, und sich ins rauschende Leben stürzt. Atemlos sucht sie neue Bekanntschaften und wirft sich zwischen die schillernden Nachtgestalten in der Oxford Street. Aber Fotos bleiben auch in Australien wichtig für sie. Nicht nur, weil Lisa sechs unentwickelte Filmrollen mitgenommen hat, auf denen jemand zu sehen ist, der ihr einmal viel bedeutete und, auf verlorene Weise, immer noch bedeutet. Sondern auch, weil sie auf der Straße ein einzelnes Foto findet, auf dem sie selbst in einer ihr vollkommen unbekannten Umgebung zu sehen ist. Sie läßt sich auf das seltsame Spiel ein und macht sich auf die Suche nach diesem Café, immer begleitet vom ironisch philosophischen Fragenkatalog des Künstlerduos Fischli & Weiss. So hangelt sie sich durch Merkwürdigkeiten ihres Alltags, entwirft lustvoll Erklärungen, verzweifelt, dass alles immer anders kommt als gedacht, und macht neue, ganz unerwartete Erfahrungen. Die Grenzen des Realen verschwimmen, und die Polaritäten der Geschlechterfestlegung sowieso.

Wallstein 2009, 294 Seiten, Gebunden, 19.90 €

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Stieg Larsson: Verblendung

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
An seinem 82. Geburtstag erhält der einflussreiche Industrielle Henrik Vanger per Post anonym ein Geschenk. Das Paket enthält eine gepresste Blüte hinter Glas, genau wie in den 43 Jahren zuvor. Vangers Lieblingsnichte Harriet hatte ihm 1958 zum ersten Mal dieses Geschenk gemacht, doch dann verschwand sie spurlos. Ihr Leichnam wurde nie gefunden. In einer letzten Anstrengung beschließt Vanger herauszufinden, was dem geliebten Mädchen tatsächlich zustieß. Er engagiert den Journalisten Mikael Blomkvist, der, getarnt als Biograf, bald auf erste Spuren stößt. Unterstützt wird er von der jungen Ermittlerin Lisbeth Salander, einem virtuosen Computergenie mit messerscharfem Verstand. Je tiefer Blomkvist und Salander in der Vangerschen Familiengeschichte graben, desto grauenvoller sind ihre Enthüllungen.

Heyne 2007, 702 Seiten, kartoniert, 9,95 €

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Stieg Larsson: Verdammnis

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
Endlich ist der zweite Band der Blomkvist/Salander-Trilogie auch als Taschenbuch lieferbar. Ein ehrgeiziger junger Journalist bietet Mikael Blomkvist für sein Magazin „Millennium“ eine Story an, die skandalöser nicht sein könnte. Amts- und Würdenträger der schwedischen Gesellschaft vergehen sich an jungen russischen Frauen, die gewaltsam ins Land geschafft und zur Prostitution gezwungen werden. Als sich Lisbeth Salander in die Recherchen einschaltet, stößt sie auf ein besonders pikantes Detail: Nils Bjurman, ihr ehemaliger Betreuer, scheint in den Mädchenhandel involviert zu sein. Wenig später werden der Journalist und Nils Bjurman tot aufgefunden. Die Tatwaffe trägt Lisbeths Fingerabdrücke. Sie wird an den Pranger gestellt und flüchtet. Nur Mikael Blomkvist glaubt an ihre Unschuld und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Seine Nachforschungen führen in Lisbeths Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die ihn bald das Fürchten lehrt.
Ein gnadenloser Pageturner, spannend bis zur letzten Seite. Vorsicht: Bis der dritte Band auch als Taschenbuch erscheint, dauert es noch was.

Heyne 2008, 765 Seiten, Kartoniert, 9.95 €

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Mila Lippke: Die Zärtlichkeit des Mörders

Der Erste Weltkrieg ist beendet, doch es sind unruhige, von Not geprägte Zeiten im Krisenjahr 1923, als im sommerschwülen August die Cölner Frauenwohlfahrtspolizei ihren Dienst aufnimmt. In dem von den Englän-dern besetzen Köln sollen Magalie Hemmersbach und Jane Fairchild zur Erhebung der gesellschaftlichen und militärischen Moral im Milieu der Prostituierten für Recht und Ordnung sorgen. Ihr Kampf gegen Unzucht, Elend und die Vorurteile der Männer hat gerade erst begonnen, da finden sie eine Prostituierte brutal ermordet auf und müssen erkennen, dass manche Dinge in Wirklichkeit ganz anders sind, als man sie zu sehen glaubt.

Emons Verlag 2006, 255 S., Kt., 9,00 €

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Christine Lehmann: Mit Teufelsg'walt

In aller Herrgottsfrühe schreckt Lisa Nerz aus dem Schlaf: Die Wohnung über ihr bebt von wildem Tumult: "Ein Kind kreischte, eine Frau schrie in höchsten Tönen, und die Zimmerdecke über meinem Bett knarrte unter den Füßen von Leuten. Dabei war es stockfinster draußen. Mein Wecker zeigte kurz nach sechs. Stach da oben gerade der Vater seine Familie ab? Und das in meinem Mietshaus! Der körpereigene Adrenalinalarm wuppte mich aus dem Bett und trieb mich in Jeans und Pullover, ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte. Ich warf mir den Parka über, nahm den Schlüssel vom Haken und öffnete die Tür. Das hölzerne Treppenhaus war dezembernachtkalt. Und es roch nach Stressschweiß. Hier waren Leute mit aggressiven Absichten hinauf in den vierten Stock gestiegen. Ich zitterte plötzlich. Nicht vor Kälte. Denn knapp unterhalb meines bundesrepublikanischen Vertrauens in die Rechtsstaatlichkeit polizeilicher Maßnahmen staute sich das viel ältere Menschheitswissen von staatlicher Willkür und nächtlichen Abtransporten." Oben trifft Lisa Nerz auf drei Damen vom Jugendamt, die den kleinen Tobias mitnehmen wollen. Ein richterlicher Beschluss liegt nicht vor. Lisa schaltet auf stur, bietet der Obrigkeit die Stirn und setzt die amtlichen Vollstreckerinnen zunächst mal vor die Tür. Doch das Jugendamt holt den Jungen tags darauf einfach aus dem Kindergarten. Und seine Mutter will Lisas Hilfe nicht. Trotzdem geht der Journalistin das Erlebnis nach. Sie recherchiert und stellt fest, dass die deutschen Gesetze den Jugendämtern doch viel Raum für Willkür bieten. Kurz darauf finden Lisa Nerz und Staatsanwalt Richard Weber eine Leiche im Wald. Es ist die Familienrichterin Sonja Depper, die sich mit Weber treffen und ihn um einen Rat bitten wollte...

Argument 2009, 285 Seiten, Kartoniert, 11,00 €

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Thomas Lehr: 42

An einem heißen Augusttag im Jahr 2000 gerät für den Münchner Journalisten Adrian Haffner die Welt aus den Fugen - aus den Fugen der Zeit. Die unterirdischen Anlagen des Kernforschungszentrums CERN in der Nähe von Genf hatte er besichtigt, und als er mit der Besuchergruppe wieder ans Tageslicht tritt, ist die Welt wie erstarrt: Die gesamte Genfer Region, ja ganz Europa ist in einen Dornröschenschlaf gefallen. Was ist geschehen? Hat der Teilchenbeschleuniger eine Zeitkatastrophe verursacht?
Eine Leseprobe gibt es hier.

Aufbau 2007, 368 Seiten, kartoniert, 8,95 €

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Ron Leshem: Wenn es ein Paradies gibt

Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Eine der letzten israelischen Einheiten steht 2007 im Südlibanon: ein paar Dutzend junge Männer frisch aus den Tel Aviver In-Lokalen und noch keine Ahnung, dass es ans Sterben geht, ohne militärische Aufgabe nur noch auf den eigenen Rückzug zu warten, in atemberaubender Landschaft, unter Dauerbeschuss durch die Hizbollah. Wie es sich anfühlt, wenn der vermeintlich letzte Soldat eines Krieges stirbt, und es ist ausgerechnet der Typ neben dir - das müssen sie selbst erfahren. Und auch, dass auf den letzten noch ein allerletzter Toter folgen kann. Ron Leshem erzählt eine Geschichte von Helden, die gar keine sein wollen, von Angst, Freundschaft und dem Traum von einem wilden Leben. Er hat einen packenden, schnellen, sprachlich meisterhaften Roman geschrieben: eine erhellende Innenschau aus Israels Armee, ein beunruhigendes Buch über den Nahen Osten.

Rowohlt Berlin 2008, 352 Seiten, gebunden, 19.90 €

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Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn

Ins Deutsche übersetzt von Michael Zöllner
»Ich habe Tourette. Mein Mundwerk lässt sich nicht zügeln... meine Worte beginnen nervös am Garn zu zupfen, suchen nach Angriffsfläche, einem schwachen Punkt, einem verwundbaren Ohr. Dann bricht er los, der Zwang, in der Kirche zu schreien, in der Kinderstation, im überfüllten Kinosaal. Zunächst ist es nur ein Jucken. Unregelm&äßig. Aber bald schon schwillt das Jucken an, türmt sich auf wie eine Flutwelle hinter einem berstenden Damm. Noahs Sintflut. Diese Jucken ist mein Leben. Achtung jetzt. Haltet euch die Ohren zu. Baut eine Arche.«
Lionel Essrog ist ein 'Minna-Man', einer von vier Jungs, die der Kleingangster Frank Minna in einem Waisenhaus in Brooklyn rekrutiert hat, um sie bei seinen diversen Geschäften als Hilfskräfte einzusetzen. Als Frank bei einem seiner seltsamen Deals umgelegt wird, bricht die bisher so geordnete kleine Welt der 'Minna Men' auseinander. Lionel will's wissen: Warum wurde Frank ermordet? Wer zieht die Fäden und benutzt die »Minna Men« als Marionetten im New Yorker Gangster-Dschungel? Wegen seines Tourette-Syndroms neigen die Menschen in Lionels Umgebung dazu, ihn zu unterschätzen. Ein großer Fehler.
Dem Brooklyner Autor Jonathan Lethem ist es gelungen, das Tourette-Syndrom seiner Hauptfigur als Grundlage brüllend komischer Geschichten zu nehmen, ohne dabei peinlich zu werden und gleichzeitig einen packenden Action-Krimi zu schreiben, spannend bis zur letzten Seite.

Goldmann 2004, 384 Seiten, kt., 8,90 €

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Eleonora Lev: Der erste Morgen im Garten Eden

Mit ungewöhnlicher Akribie rekonstruiert die Erzählerin im ersten Kapitel ihre Wahrnehmungsweisen als neunjähriges Mädchen. Mit feinem Humor und subtiler Selbstironie beschreibt sie das ganz eigene Koordinatensystem, das die Tochter armer, hilflos-autoritärer Emigranten in einem Dorf in Israel entwickelt, um sich in der Welt zurechtzufinden. Ein Koordinatensystem, das bizarr anmutet, weil die Wahrnehmung gefiltert wird durch die Angst-, Hoffnungs- und Ausbruchsphantasien, die das Kind der Sichtweise der Erwachsenen entgegensetzt. So malt sie sich aus, wie sehr der geliebte Vater leiden muß, wenn er sie verprügelt. Das schlechte Gewissen, die Verursacherin dieser Seelenqualen zu sein, wiegt unendlich schwerer als die eigenen körperlichen Schmerzen, die dadurch aber gleichzeitig zweitrangig und erträglich werden. Wie sich das Mädchen aus dieser Enge schließlich nicht nur wegträumt, wie die junge Frau nach dem Militärdienst in Tel Aviv wieder um Anerkennung und Liebe kämpft, wie sie voll rebellischen Geistes und Lebensgier Widerstände überwindet und ihr Leben meistert, davon erzählt dieser mitreißende Debütroman der israelischen Autorin.

Btb 2001, kt., 595 Seiten, 12,00 €

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Unni Lindell: Lautlos in den Tod

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kurz vor Weihnachten wird ein Mann im Krankenhaus von Tromso umgebracht. Er hatte seine schwangere Frau schwer misshandelt. Der pensionierte Polizist Holger Eliassen nimmt die Ermittlungen auf. Hat dieser Mord mit anderen bisher ungeklärten Männermorden zu tun? Schon seit langem verdächtigt Eliassen die drei Schwestern Judith, Carol und Lisbet, die jedes Jahr für das Weihnachtsfest nach Tromsø kommen. Doch welche der drei Frauen mordet Männer?

Fischer 2007, 377 Seiten, kartoniert, 8,95 €

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Mila Lippke: Die Kinderdiebin

Cecilie, Gehilfin im Leichenkeller der Berliner Charité, erfährt von einem beunruhigenden Todesfall: Eine junge Frau wurde offenbar kurz nach der Entbindung ermordet, vom Neugeborenen fehlt jede Spur. Zur gleichen Zeit hat Cecilie private Sorgen: Das Dienstmädchen der Familie, Elsa, bekommt ein Kind von Cecilies Vater und stirbt beinahe bei der Geburt. Während sie mit dem Tode ringt, wird der Säugling aus der Charité entführt. Cecilie macht sich auf die Suche nach ihrem Halbbruder und stößt auf einen schrecklichen Zusammenhang zwischen den beiden verschwundenen Kindern. Der vierte Roman von Le-Sabots-Lieblings-Krimiautorin und der zweite in der Reihe um die Ermittlerin Cecilie Blum.

List 2009, 368 Seiten, Kartoniert, 8.95 €

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Mila Lippke: Mehr zu fürchten als den Tod

Der historische Kriminalroman spielt in Köln im Winter 1940: Als ein Gestapo-Mann ermordet aufgefunden wird, ist der vermeintlich Schuldige schnell gefunden. Der polnische Zwangsarbeiter Kolja wird als Mörder verhaftet. Die sechzehnjährige Marie versucht, ihn vor der drohenden Hinrichtung zu retten. Sie setzt alles daran, die Wahrheit ans Licht zu bringen - doch wem wird sie nützen? Marie begibt sich in höchste Gefahr und hat es dabei nicht nur mit einem Mörder zu tun.

Emons Verlag 2004, 240 Seiten, kt., 9,00 €

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Mila Lippke: Der Puppensammler

Berlin, Ende des 19. Jahrhunderts: Die junge Cecilie träumt einen für Frauen schier aussichtslosen Traum. Sie möchte Medizin studieren. Dafür entflieht sie der Verlobung mit einem Adeligen, läuft von zu Hause weg und landet schließlich im düsteren Leichenkeller der Berliner Morgue als Assistentin des Gerichtsarztes Hektor von Thorwald. Die Frauenleiche, die diesmal vor ihm auf dem Seziertisch liegt, unterscheidet sich von den anderen Toten. Sie ist schön, wie eine Puppe zurechtgemacht. Und es bleibt nicht die einzige Tote, die derart präpariert aufgefunden wird. Eine Suche nach dem Mörder beginnt, die Cecilie mit Abgründen der menschlichen Seele und der adeligen Gesellschaft, aber auch mit ihren eigenen Gefühlen konfrontiert ...

List 2007, 320 Seiten, Karton, 12,00 €

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Gila Lustiger: So sind wir

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Gila Lustiger steht die Familiengeschichte der Autorin. Inspiriert von Fotos und Gegenständen - einem Briefbeschwerer, Zeitungen oder einer Puppe - , erinnert sich die Ich-Erzählerin an die Eltern, Großeltern und näheren Verwandten und deren Geheimnisse. Was diese Menschen verbindet, ist ihre Abstammung. Sie sind mitteleuropäische Juden und daher Verlierer der Geschichte. Sie sind Schweiger, die über ein brillantes Gedächtnis verfügen, aber auch über die souveräne Möglichkeit, keinen Gebrauch davon zu machen. So wird dieser Roman auch zu einem Roman der Suche. Auf die Erinnerung, Fakten und Familienlegenden gestützt, füllt die Autorin die Lücken in der Familienchronik mit ihrer Phantasie aus. Gila Lustiger erzählt von den Gründungsmythen des Staates Israel, der Zeit der Einwanderung und der Unabhängigkeitserklärung, ihrem eigenen Heranwachsen zwischen Deutschland und Israel, von dem Vater Arno Lustiger, dem Auschwitz-überlebenden, der dennoch in Deutschland blieb. Mit einer Fülle von Episoden, in denen Tragik und Komik eng verflochten sind, bringt sie jenen Erzählstrom in Fluss, der die jüdische Prosa schon immer auszeichnete.

BVT 2007, 272 Seiten, Karton, 9,90 €

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Die Kriminalromane von Henning Mankell

Diese Bücher zählen zu den Auserwählten, von denen ich sage: tu mir den Gefallen, tu dir den Gefallen, lies das! Henning Mankell schrieb mit seinen Kriminalromanen um den Kriminalkomissar Kurt Wallander und sein Ermittlungsteam eine fortwährend spannender werdende Sammlung. Wallander, ein älterer (er würde das natürlich nicht gerne hören) Kommissar, geschieden, Vater einer Tochter in den Zwanzigern, ermittelt in Ystad, gemeinsam mit seinem etwa fünfköpfigen Team, in diversen Kriminalfällen. Der Ort im Süden Schwedens ist zu klein, als daß es dort eine spezielle Mordkommission gäbe. Daher reichen seine Fälle von Autodiebstahl über Drogengeschäfte bis eben hin zu Morden. Und zwar grausamen, schrecklichen. Und damit kommen wir schon zu einem der ganz großen Pluspunkte dieser Romane: man brüht in diesen Geschichten nicht ab, es wird einem immer wieder deutlich, daß die Morde schlimm sind. Nicht durch grausame Schilderungen, das geschieht nur einmal, nämlich wenn der Mord entdeckt wird. Nein, die Gefühle der ErmittlerInnen werden immer wieder geäußert, wie gräßlich sie das Morden finden und daß das so schnell als möglich ein Ende haben muß (beinahe immer sind es mehrere Morde in Folge, von denen man nicht weiß, ob dieser nun endlich der letzte war).
Mankell schreibt auch Kinderbücher, ist damit in deutscher Sprache allerdings nicht annähernd so erfolgreich geworden. Auch die ersten beiden Krimis, zunächst bei edition q, einem kleinen Verlag, erschienenen Bücher (»Mörder ohne Gesicht« und »Hunde von Riga«) wurden nicht viel gelesen. Kein Wunder, würde ich sagen, denn da hat er als Kriminalschriftsteller auch erst noch geübt. Vielleicht liegt es daran, daß die politische Situation in Südafrika ein Schlüsselthema des Romans ist und der Autor inzwischen in Maputo, Mosambik -nahe der südafrikanischen Grenze- lebt. Mit diesem Buch jedenfalls hat er den Start, den beinahe richtigen, großen, gemacht. Das Buch hat auch im Vergleich zu den beiden vorhergehenden schon an Umfang zugelegt. Doch erst mit dem fünften Roman, der bisher nur in gebundener Form auf Deutsch herauskam, »Die fünfte Frau«, 700 Seiten allergrößter Spannung (nicht Action), erst damit hatte er bei im deutschsprachigen Raum den ganz großen Durchbruch. Darauf folgte nun »Die falsche Fährte«. Die Lektüre diese Buches irritierte einige der LeserInnen ein wenig, weil in dem Buch Wallanders Vater wieder lebt, es ist also eigentlich das vierte Buch in der Reihenfolge. Und nun zu vorerst guter Letzt erscheint »Mittsommermorde«, wieder ein 700 Seiten starkes Buch, und das ist der bisherige Höhepunkt in Mankells Krimiautorlaufbahn. Absolut!
Was macht diese Bücher so besonders? Die Akribie ist es zum einen, die minutiöse Beschreibung der Erlebnisse Kurt Wallanders, und sei es die fünffache Bemerkung, daß er schon wieder vergessen hatte, einem Kollegen geliehenes Geld zurückzuzahlen -auch wenn das für die Aufklärung dieses Falls nicht von geringster Bedeutung ist, dafür aber um so mehr für die Verfassung Wallanders, in der er stecKarton Und die sowohl physisch als auch psychisch nicht mehr tragbar ist.
Dann ist es die großartige Teamarbeit, die noch nicht einmal harmonisch oder gerecht ist, aber realistisch und so gar nicht heldInnenhaft. Außerdem das gebetsartige gemeinschaftliche Herunterleiern der irgendwann fast langweilig erscheinenden Frage: »Was wissen wir?«. Die Frage, die Wallander ständig in einer der abendlichen Sitzungen stellt. Oder die er sich nachts um drei stellt, wenn er eine Stunde geschlafen hatte, wieder aufwacht und nicht mehr einschlafen kann, weil ihn der Fall nicht in Ruhe läßt. Wenn er nicht selten um eben diese Zeit sich anzieht und an den Tatort fährt um vor Ort etwas zu prüfen oder einfach dort nachzudenken. Diese Frage also, die beim Lesen so ungeduldig macht, fast ungehalten. Das ist die Spannung, die diese Roman erzeugen. Großartig!
Die Themen. Es geht um »große Politik« (»Die weiße Löwin«) wie um Grundsätzliches, Gewalt gegen Frauen (»Die fünfte Frau«), Vereinzelung in der Gesellschaft (»Mittsommermorde«), Gewalt gegen Kinder (»Die falsche Fährte«). Gewalt, die Gegengewalt erzeugt. Rache, Gegenwehr, wie die Form der Gegengewalt auch immer zu benennen sein mag. Und Wallander setzt sich damit auseinander, er hinterfragt sich selbst, kritisch, (Gewalt gegen Frauen, seine Ex-Frau, seine Freundin), andere, seine KollgeInnen, er ermittelt mit psychologischem Feinsinn und kommt auch nur so dem Täter, der Täterin auf die Spur. Und mit denen setzt er sich, sowohl während er sucht, als auch danach, ja wie kann ich das sagen, »respektvoll« auseinander. Respektvoll? Würdevoll? Er triumphiert nicht. Überhaupt entsteht kein Siegesgefühl, kein Gelöstsein nach Ende der Lektüre. Aber ein Gefühl etwas erfahren zu haben, über die offensichtliche Spannungsgeschichte hinaus. Also, los, ran an die Lektüre!
Henning Mankell, 1948 in Härjedalen geboren, ist einer der meistgelesenen Schriftsteller in Schweden. Er lebt als Theaterregisseur und Autor in Maputo/ Mosambik. Für seine Bücher wurde er mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, u.a. von der Schwedischen Akademie für Kriminalliteratur. Die fünfte Frau wurde mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet.

Alle Bücher auf einen Blick:
- Mörder ohne Gesicht, dtv 20232, 16,90
- Hunde von Riga, dtv 20294, 18,50
- Die weiße Löwin, dtv 20150, 17,90
- Die falsche Fährte, Zsolnay, 45,00
- Die fünfte Frau, Zsolnay, 39,80
- Mitsommermord, Zsolnay, 45,00

Mörder ohne Gesicht, dtv 1999, 330 Seiten, Karton, 9,50 €
Hunde von Riga, dtv 2000, 350 Seiten, Karton, 9,50 €
Die weiße Löwin, dtv 1998, 598 Seiten, Karton, 10,00 €
Die falsche Fährte, dtv 2001, 506 Seiten, Karton, 10,00 €
Die fünfte Frau, dtv 2000, 563 Seiten, Karton, 10,00 €
Mittsommermord, dtv 2002, 604 Seiten, Karton, 11,00 €

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Henning Mankell: Rückkehr des Tanzlehrers

Zwei Wochen bleiben dem krebskranken Kommissar Lindmann, den Mord an einem pensionierten Polizisten aufzuklären. Die Spur führt in die Nazi-Vergangenheit des Toten, was wiederum ein Netzwerk alter & neuer Nazis auf den Plan ruft...

Zsolnay 2002, 506 Seiten, gebunden, 24,90 €

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Henning Mankell: Mittsommermord

Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
Der neue Mankell übertrifft die vorangegangenen Krimis über den schwedischen Kommisar Kurt Wallander bei weitem. Der sechste Roman in der Krimireihe erzählt von Morden an Menschen, die nicht das geringste miteinander zu tun haben. Scheinbar, denn für den Mörder gibt es einen Zusammenhang. Es sind alles junge, glückliche Menschen. Diese Verbindung finden Wallander und sein Team nur unter größter Anstrengung heraus. Natürlich. Obwohl die Ermittlungstruppe doppelt geschwächt in ihren schwersten Fall gehen muß, weil einer aus ihrer Mitte ermordet wurde. Und weil der Verdacht sich nicht abwehren läßt, daß derselbe ehemalige Kollege in diese grauenhafte Mordserie verwickelt ist. Wallander ermittelt in schwerkrankem und liebeskummergeschwächten Zustand auf seine uns inzwischen bekannte psychologisch feinsinnige Weise.

Dtv 2002, 604 Seiten, Karton, 11,00 €

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Henning Mankell: Wallanders erster Fall und andere Erzählungen

Wer immer schon einmal wissen wollte, wie Wallander Kommissar der Mordkommission wurde, wie er seine Frau kennenlernte und sich wieder von ihr trennte, oder wer einfach nur Wallander-süchtig ist, wird von diesem Erzählband begeistert sein. Das Spektrum der Erzählungen, die alle vor dem 8. Januar 1990, dem Beginn der eigentlichen Wallander-Serie spielen, reicht von Wallanders erstem Fall bis zu einem ausgewachsenen Kriminalroman »Die Pyramide«. Die beiden kürzeren Geschichten sind ein bißchen schwach, der Rest aber sehr spannend und zeigen neue Seiten an Schwedens beliebtesten Kommisar auf. Schön, dass Mankell dieses Buch noch nachgeschoben hat.

Zsolnay 2002, 477 Seiten, gebunden, 24,90 €

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Subcommandante Marcos & Paco Ignatio Taibo II: Unbequeme Tote

Der charismatische EZLN-Sprecher und der Che-Biograf und Krimiautor haben vierhändig einen Roman geschrieben. Während Hector Belascoaran Shayne in der Metropole Mexico-Stadt geheimnisvolle Anrufe von einem längst Totgeglaubten erhält, wird Elias Contreras, „die Ermittlungskommission“ der EZLN im Dschungel von Chiapas auf die Spur eines gewissen Morales gesetzt, möglicherweise verantwortlich für zahlreiche Morde, Folterungen und Bluttaten im Dienste diverser Regierungen. Die beiden Ermittler treffen sich, arbeiten gemeinsam an dem Fall und kehrer wieder zu ihren Ausgangspunkten zurück, da verschiedene Standpunkte verschiedene Perspektiven ermöglichen und so zu gemeinsamen Lösungen führen können. Das Buch ist voll von Anspielungen auf mexikanische Politik und Geschichte. Die muss man nicht unbedingt verstehen und hat trotzdem einen spannenden Krimi und ein schönes Stück Literatur vor sich.

Assoziation A 2005, 16,80 €

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Monika Maron: Pawels Briefe

Monika Marons Mutter Hella findet einen Karton mit Photos, Briefen und Dokumenten wieder, darunter Briefe von ihrem Vater Pawel, geschrieben aus dem Ghetto Belchatow. Pawel war Jude. Er wurde 1942 von den Nazis ermordet.
Der Karton mit den Briefen war in Vergessenheit geraten, ebenso viele Details, die in den Briefen erwähnt werden. Hella versucht sich zu erinnern. Es verwirrt sie, daß ihr das nicht vollständig gelingt. Ihre Erinnerungen erscheinen geschönt, vieles hat sie ganz vergessen. Monika Maron, geboren 1941, wird in den Briefen ihres Großvaters erwähnt. Er erkundigt sich, wie es der kleinen Enkelin geht, bedauert, sie nicht sehen zu können. Wenn ich in Pawels Briefen meinen Namen finde, [...] wenn ich mir vorstelle, daß der Mann, der diese Briefe schrieb, an mich dachte, auf mich hoffte, verliert das Wort Vergangenheit für Minuten seinen Sinn. Dann werden die Jahre durchlässig [...]. Die Enkelin kann ihre Großeltern nicht mehr erinnern. In ihrem Buch versucht sie eine Rekonstruktion ihrer Personen, ihres Lebens aus Briefen, Photos und Erinnerungen der Mutter.
Maron erzählt von dieser Rekonstruktion in einem fast dokumentarischen Stil. Es wird von den Recherchen berichtet, von den Quellen, sie erklärt sogar, warum sie das Buch schreibt, warum erst jetzt, warum jetzt noch. Der Text ist brilliant geschrieben, wie von Maron gewohnt. Interessant ist dieses Buch jedoch weniger in literarischer denn in zeitgeschichtlicher Hinsicht.

Fischer 2001, Karton, 204 Seiten, 8,90 €

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Val Mc Dermid: Ein Ort für die Ewigkeit

Aus dem Englischen von Doris Styron
Im Winter 1963 verschwindet das dreizehnjähriges Mädchen Alison Carter spurlos aus dem abgeschiedenen Nest Scardale in England. Der junge und unerfahrene Inspector George Bennett erhofft sich den ersten spektakulären Ermittlungserfolg seiner Laufbahn. Doch keiner der Einwohner des Dorfes möchte so recht mit ihm zusammenarbeiten, es herrscht tiefes Mißtrauen vor der Polizei. Nach wochenlanger Suche mehren sich die Zeichen, das Alison brutal ermordert wurde, aber eine Leiche wird nicht gefunden. Dennoch reichen die Indizien, einen Prozeß anzustrengen und, nach dessen Beendigung, den Fall zu den Akten zu legen.
35 Jahre später entschließt sich die Journalistin Catherine Heathcote, die Geschichte des berühmten »Mordfalls ohne Leiche« zu einem Buch zu verarbeiten. Bei ihren Recherchen stößt sie auf eine unglaubliche Wahrheit. Val Mc Dermid ist den LeserInnen bisher hauptsächlich durch ihre Heldinnen Lindsay Gordon, eine schottische Journalistin und Kate Brannigan, eine englische Privatdetektivin bekannt. Mit »Ein Ort für die Ewigkeit« hat sie ihr Genre etwas verändert. Hier geht es nicht so sehr um spannungsreiche Verbrecherjagd, sondern mehr um die Psychologie des Täters, des Inspectors und letztendlich des ganzen Dorfes. Eigentlich eine gute Idee, die auch in ihrer Ausführung (vor allem in den zwei unterschiedlichen Zeiten, in denen die Handlung spielt) gut gelungen ist. Manchmal allerdings hat der Roman doch einige Längen - für mich persönlich hätten auch 400 Seiten gereicht.

Knaur, 2001, Gb., 588 Seiten, 9,90 €

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Zakes Mda: Die Madonna von Excelsior

Aus dem Englischen von Peter Torberg
Im Herzen der südafrikanischen Provinz Free State liegt das Burenstädtchen Excelsior. Strenge Rassentrennungsgesetze sichern die Vorherrschaft der weißen Minderheit. örtliche weiße Honoratioren wie der Bürgermeister, der Pfarrer und der Polizist legen die Gesetzte zu ihren Gunsten aus: Als schwarze Frauen eine nach der anderen ein hellhäutiges Kind zur Welt bringen, fliegt die Sache auf und die verschlafene Kleinstadt gerät ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit. Ein Vierteljahrhundert später ist das Apartheidregime Vergangenheit. Der Autor Zakes Mda, vor kurzem aus dem Exil zurückgekehrt, macht sich in Excelsior auf die Suche nach den Beteiligten. Mda erzählt ihre Geschichte - es ist gleichzeitig die Geschichte seines Landes.

Unionsverlag 2007, 320 Seiten, kartoniert, 9,90 €

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Eva Menasse: Vienna

Ein großer Familienroman, der anekdotisch, lebendig und eindringlich vom Geschick eines jüdischen Familienclans in Wien erzählt. Sei es Königsbee, der noch jede Redewendung verballhornt hat, sei es die Mutter, die überm Kartenspiel beinahe die Geburt des Sohnes versäumt - die Lebensfäden der verschiedensten Menschen werden über räumliche Trennung hinweg, durch die Schrecken der Naziherrschaft und über die Familienstreitereien nach dem Krieg zusammengeführt im charmanten Wien der Kaffeehäuser.

btb 2007, 427 Seiten, Kartoniert, 10.00 €

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Clemens Meyer: Als wir träumten

Sie träumen vom Aufstieg ihrer Fußballmannschaft, von einer richtigen Liebe und davon, dass irgendwo ein besseres Leben wartet. Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre, in einem Viertel, dessen Mittelpunkt die Brauerei ist. Jede Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie randalieren, sie fliehen vor den Glatzen, ihren Eltern und der Zukunft. Sie kämpfen mit Fäusten um Anerkennung und schlagen die Zeit tot. Sie saufen, sie klauen, sind cool und fertig und träumen vom eigenen Leben. Alle ihre Fluchtversuche enden auf den Fluren des Polizeireviers Südost.

Fischer 2007, 528 Seiten, kartoniert, 9,95 €

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Sami Michael: Viktoria

Aus dem Hebräischen von Inken Kraft
Bagdad, um 1900: Bedrängt von aufdringlichen Passanten, schreitet eine junge Frau über die Tigrisbrücke, um sich in den Fluss zu stürzen. Für Viktoria ist das Leben eine Qual. Sie wohnt im jüdischen Viertel mit rund einhundert Familienangehörigen auf engstem Raum und muss sich dem rigiden Sittenkodex unterordnen, bis sie in den jungen Staat Israel auswandert.

BvT 2007, 375 Seiten, kartoniert, 9,90 €

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Walter Moers: Der Schrecksenmeister

In Sledwaya, der ungesundesten Stadt Zamoniens, ist Echo, das hochbegabte Krätzchen, nach dem Tod seines Frauchens in allergrößte Schwierigkeiten geraten. Er ist gezwungen, mit dem Schrecksenmeister Succubius Eißpin einen verhängnisvollen Vertrag zu schließen. Dieser gibt Eißpin das Recht, die Kratze beim nächsten Vollmond zu töten und ihr das Fett auszukochen. Als Gegenleistung muss Eißpin Echo bis dahin auf höchstem kulinarischen Niveau durchfüttern. Doch der Schrecksenmeister Eißpin hat nicht mit dem überlebenswillen und dem Erfindungsreichtum des Krätzchens gerechnet - vor allem nicht mit dessen neuen Freunden, den Grübelnden Eiern und dem Goldenen Eichhörnchen, Fjodor F. Fjodor, dem Einäugigen Schuhu und dem Gekochten Gespenst und vor allem Inazea Anazazi, der letzten Schreckse von Sledwaya.

Piper 2007, 384 Seiten, gebunden, 22,90 €

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Sudabeh Mohafez: Wuestenhimmel Sternenland

Ein iranischer Berg, der mitten in Berlin auftaucht. Nâhid, eine Teheraner Putzfrau, die ein letztes Mal ihre deutsche Arbeitgeberin aufsucht. Eine nächtliche Autofahrt durch die Wüste. Geschichten, poetisch wie Märchen aus Tausendundeiner Nacht, die unter die Haut gehen, weil sie von der Geduld der Frauen, der Gewalt der Männer und der Verlorenheit, aber auch dem überlebenswillen der Kinder erzählen.

Berliner Taschenbuch Verlag 2007, 123 Seiten, kartoniert, 8,90 €

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Carlos Montemayor: Krieg im Paradies

Übersetzt von Georg Oswald
Als am 1. Januar 1994 im süd-mexikanischen Chiapas ein Aufstand begann, rieb sich die Weltöffentlichkeit erstaunt die Augen. Auch hierzulande folgte eine Welle von solidarischer Interessiertheit und die Veröffentlichungen über die Zapatistas und ihre Symbolfigur, den Subcommandante Marcos, füllen mittlerweile mehrere Regalreihen.
Das Erstaunen ist nicht berechtigt, sondern speist sich lediglich aus der allgemeinen Unwissenheit über ein Land, das in bundesdeutschen Massenmedien letztmals anläßlich der Olympiade 1968 größere Erwähnung fand. Darüber, daß das Straßenbild Mexico Citys in jenem Jahr von einer großen Protestbewegung geprägt war, wurde allerdings nicht berichtet. Die Bewegung wurde kurz vor der Olympiade dadurch zerschlagen, daß 400 TeilnehmerInnen einer studentischen Demonstration aus Polizeihubschraubern ins Meer geworfen wurden.
Das demokratische Urlaubsparadies Mexiko ist geprägt von krassen sozialen Gegensätzen und einer Repression, die an faschistische Militärdiktaturen erinnert. Das hat immer wieder Widerstand hervorgerufen - und mehr als eine bäuerliche Guerilla hat den Kampf gegen die Staatsgewalt aufgenommen.
Carlos Montemayor erzählt die Geschichte der Bauernguerilla Partei der Armen, die Anfang der 70er Jahre im Bundesstaat Guerrero (aus Reiseprospekten bekannt durch die Hauptstadt Acapulco) für die sozialen Forderungen der Landbevölkerung eintrat und über Jahre hinweg ein Großaufgebot der mexikanischen Armee in Schach hielt. Ähnlich wie in dem (im gleichen Verlag erschienen) Roman »Vier Hände« von Paco Ignacio Taibo II benutzt Montemayor viele verschiedene Handlungsstränge. Er verarbeitet unzählige dokumentarische Momentaufnahmen des Guerillakrieges und erzählt sie aus der Sicht der jeweiligen Figuren. Trotz unzähliger verschiedener Perspektiven - auch Militärs, Industrielle, Großgrundbesitzer und Politiker kommen zu Wort - besteht nie die Gefahr die Übersicht zu verlieren, und Montemayor bezieht eindeutig Stellung: Die einzige legitime Perspektive ist für ihn die der Partei der Armen und der politische und bewaffnete Kampf gegen Unterdrückung.

Assoziation A 1998, gebunden, 408 Seiten, 20,50 €

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Bernhard Moshammer: Zeit der Idioten

Jessasmarandjosef! Der Wiener hat ja praktisch keine Ahnung vom Terrorismus. Absurder Witz trifft auf reale Krise ... bis es 8-mal knallt. Ein freches, feines Buch - Rockmusik zwischen zwei Deckeln. Hoffnungsvoll hoffnungslos auf der Suche nach der richtigen Liebe, dem richtigen Song, dem richtigen Leben - zwischen Wien und St.Pölten, Selbstmordattentaten und Schotterteichen. Zutiefst traurig, zutiefst komisch, weil der Blues eben auch aus Österreich kommt. Und „Jessasmarandjosef“ sein Refrain ist. Schräge Komik, beißende Gesellschaftskritik, die Liebe zum Rock’n’Roll und die Suche nach DEM Song verbinden sich zu einem ungewöhnlichen Leseabenteuer. Sturm auf der Insel der Seligen. Aber das Leben ist kein Film. Trotzdem in Nebenrollen: Bob Dylan und Johnny Cash

Milena 2009, 200 Seiten, Kartoniert, 17.90 €

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Michael Nava: Verbrannte Erde

Übersetzt von Stefan Haußmann
Michael Nava lebt als Anwalt und Schriftsteller in Los Angeles. Neben einer Studie über die Rechte von Schwulen in den USA hat er bisher sechs Kriminalromane über den schwulen Anwalt Henry Rios veröffentlicht.
Während Henry am Anfang des neuen Romans versucht, den AIDS-Tod seines langjährigen Liebhabers Josh zu verarbeiten, hat er ein Date mit einem seiner Mandanten. Das Treffen endet mit einer heftigen Auseinandersetzung. Der Mandant wird am nächsten Tag ermordet aufgefunden, und Henry gerät unter Mordverdacht. In der Rolle des zu Unrecht Verdächtigten versucht er, auf eigene Faust den Mord aufzuklären. Die Spur führt nach Hollywood.
Nava vermittelt einen Eindruck von den alltäglichen Repressionen, denen Schwule im vermeintlich liberalen Kalifornien ausgesetzt sind. In vielen kleinen Nebenhandlungen erfahren wir einiges über homophobe Polizisten, bigotte Prediger und Eltern, die ihre Kinder zwecks Behandlung ihrer Homosexualität in sogenannte Kliniken schicken, die nichts anderes als gesetzlich und politisch legitimierte Folterzentren sind.
Das besondere Thema dieses Krimis ist jedoch die Verfilzung der Behörden von Los Angeles mit der Filmindustrie Hollywoods. Der Filz personifiziert sich in Duke Asuras, einem reichen und mächtigen Filmproduzenten und Wahlkampfberater Bill Clintons, dessen Devise lautet: Filmmaking isn't an industry, it's warfare and the whole world is our battleground. Nava neigt ein wenig zur Schwarz-Weiß-Malerei. Aber mit seiner sarkastischen Weltsicht liegt er vermutlich wesentlich dichter an der Realität als die meisten schönen bunten Bilder aus Kino und TV, die oft mit dem wirklichen Leben verwechselt werden. Und daß Henry Rios, der als Anwalt von Minderheiten eher selten auf der Siegerseite steht, trotz aller Rückschläge niemals aufgibt, macht ihn ziemlich sympathisch.
Anläßlich des 30. Jahrestages der Stonewall-Revolte unternimmt Michael Nava mit »Verbrannte Erde« eine Lesereise und tritt dabei u.a. auch in Köln auf.

Argument Verlag 1999, Karton, 416 Seiten, 10,50 €

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Edgar Noske: Im Dunkel der Eifel

Der Monschauer Frauenarzt und passionierte Jäger Dr. Elmar Steinbeck wird ermordet. Ein Fall von politischer Brisanz, denn Steinbeck ist der Bruder des Oppositionsführers im Düsseldorfer Landtag, und die Wahlen in Nordrhein-Westfalen stehen vor der Tür. Roger Lemberg, Leiter der SOKO-Eifel, muss seinen Urlaub auf Texel abbrechen, um die Ermittlungen in Monschau persönlich zu leiten. Schnell stößt die SOKO auf eine heiße Spur, die sie hinter die pittoresken Fassaden des Eifelstädtchens führt. Lemberg sticht in ein Wespennest von Heuchelei, verschmähter Liebe, Lebenslügen und abgrundtiefem Hass - und übersieht entscheidende Hinweise. Unversehens gerät er in eine der explosivsten Situationen seines Lebens. Aber selbst das ist erst der Anfang des ganz großen Alptraums.

Emons Verlag 2007, 285 Seiten, kartoniert, 9.00 €

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Nuala O'Faolain: Nur nicht unsichtbar werden. Ein irisches Leben

Aus dem Englischen von Renée Zucker
Aufgewachsen ist sie in den 40er und 50er Jahren in Dublin als eins von neun Kindern - für damalige Verhältnisse in Irland keine besonders große Familie -, der Vater ein angesehener Journalist, der aber anderswo seine Zeit verbringt und sein Geld ausgibt, zudem eine Geliebte hat; die Mutter, der alsbald die Armut und das triste Hausfrauenleben über den Kopf wachsen, findet Zuflucht in Büchern und im Alkohol.
Das Beste, das ich in meiner Kindheit mitbekam, ist das Lesen, denn dadurch gelingt es der Autorin, einen Schutzwall um sich zu errichten. So übersteht sie die Klosterschule, und auch ihre Studienzeit ist geprägt von Liebe zur Literatur. Aufrichtig und empfindsam zugleich schildert sie ihre sexuellen Beziehungen und Freundschaften, ihren Hang zum Alkohol. Wie überall dominieren auch in den literarischen und journalistischen Kreisen, in denen sie nun verkehrt, patriarchalische Strukturen.
Als sie mit Anfang dreißig in einer Lebenskrise steckt, wird ihr allmählich bewußt, daß sie in puncto Bücher und Alkohol in Gefahr schwebt, das Leben ihrer Mutter zu wiederholen. Jedoch mit einem entscheidenden Unterschied: sie schafft es wundersamerweise, trotz ungeschütztem Sex nicht schwanger zu werden. Denn allein durch Schwangerschaften wurde zu der Zeit das Leben Tausender junger Frauen ruiniert: »They were hotly pursued, and half longed to yield, but they were not able to defend themselves against pregnancy, and they were destroyed if they got pregnant.« Leider ist gerade diese Stelle ungenau übersetzt: »Man war heiß auf Frauen und wie der Teufel hinter ihnen her, bis sie sich ergaben - aber wenn sie schwanger wurden, wurden sie zerstört.« Damit wären wir beim Zentralthema dieser Autobiographie, nämlich der sexuellen und beruflichen Situation irischer Frauen. Freimütig gesteht die Autorin, daß auch sie sich spät von der in Irland alles dominierenden katholischen Kirche emanzipiert hat und erst in den 70er Jahren mit den ersten großen Frauendemonstrationen aus dem typisch irischen Frauendasein - Heirat und Kinder - ausbrechen konnte.
Nuala O'Faolain hat eine erschütternde, aufrichtige und zugleich spannende Autobiographie geschrieben, deren zentrales Thema die sexuelle und berufliche Situation irischer Frauen ist. Irland ist nicht nur Landschaft, sondern auch Geschichte und Gesellschaft. Es gab Hungersnot, Brutalität und Leere im Land. Und die zerstörte Unterklasse, zu der auch ich an jenen Pub-Nachmittagen gehörte, war genauso ein Teil von Irland wie seine Schönheit. (DÜ)

Rowohlt 2001, Karton, 252 Seiten, 8,50 €

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Marge Piercy: Menschen im Krieg

Jüdische Lebenswelten im 2. Weltkrieg: Aus vielen verschiedenen Handlungsebenen, genial zusammengeführt, entsteht ein eindrückliches Bild vom Leben und Sterben zwischen Auschwitz und Pearl-Harbour. Ein grandioser Antikriegsroman.

Argument-Verlag 2001, 985 Seiten, Karton, 15,50 €

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Brüder Presnjakow: Tötet den Schiedsrichter

Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja
Pepsi und Hot Dog jobben als Parkplatzwächter, Natascha betreibt die Agentur „Amour Transit“ und der Erzähler ist Scharfschütze beim örtlichen Atomkraftwerk. Die russische Nationalmannschaft steht im Finale der Fußball-Europameisterschaft, und die vier sind vor dem geklauten Fernseher mit dabei. Russland hat die Chance auszugleichen, aber der Schiedsrichter gibt den entscheidenden Elfmeter nicht. Die Freunde beschließen, den „Unparteiischen“ umzulegen und fliegen von ihrem letzten Geld nach Antalya, wo der Schiri Urlaub macht.

KiWi 2007, 208 Seiten, kartoniert, 8,95 €

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Matt Beynon Rees: Der Verräter von Bethlehem

Aus dem Englischen von Sigrid Langhaeuser
Omar Jussuf ist Geschichtslehrer in Bethlehem, alles andere als ein Held, ihn plagen Rückenschmerzen, ihm zittern die Hände, und besonders waghalsig war er noch nie. Da wird einer seiner ehemaligen Lieblingsschüler verhaftet, weil er als Kollaborateur an einem Attentat auf einen führenden palästinensischen Widerstandskämpfer beteiligt gewesen sein soll. Als niemand das geringste Interesse daran zeigt, die Wahrheit ans Licht zu bringen, beginnt der Lehrer auf eigene Faust zu ermitteln. Vor einem politisch brisanten Hintergrund entspinnt Matt Beynon Rees eine tragische Geschichte, die uns am palästinensischen Alltag teilhaben läßt.

Heyne 2009, 326 Seiten, Kartoniert, 8,95 €

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Ulrich Ritzel: Der Schatten des Schwans

Ulm, 1998: Ein Mord, der ins Jahr 1945 zurückführt. Und zu einem angesehenen Prominenten, dessen braune Vergangenheit von Politik und Polizei nur ungern enthüllt wird. Der erste Thriller des zur Zeit besten deutschsprachigen Krimiautors.

btb 2002, 280 Seiten, Taschenbuch, 9,00 €

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Marjane Satrapi: Persepolis

Der Comic des Jahres 2004 erstmals im Taschenbuch. Satrapi, selbst im Iran aufgewachsen, beschreibt die Zeit nach der islamischen Revolution 1979 aus der Sicht eines Kindes in lakonischem SchwarzWeiss mit auf den ersten Blick naiv wirkenden und doch sehr pointierten Texten. Ein prima Buch, einmal angefangen, hörst Du nicht mehr auf zu lesen, auch wenn Du sonst nicht so auf Comics stehst.

Ueberreuter 2005, 9,95 €

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Dagmar Scharsisch: Verbotene Stadt

Lilli Lukas, Mutter von Zwillingen und Buchhändlerin, möchte eigentlich nur ein Antiquariat in der Bücherstadt Wünsdorf eröffnen. Als sie ihrer Mutter von ihrer Idee erzählt, dreht diese fast durch, möchte aber immer noch nicht über ihre Vergangenheit reden. Lilli bleibt bei ihrem Plan und muß sich nicht nur mit ihrer Geschichte sondern auch mit neuen Gefahren auseinandersetzen.

Argument Verlag 2002, 431 Seiten, Karton, 10,90 €

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Andrea Maria Schenkel: Kalteis

München, Ende der 30er Jahre: Süß und sehnsüchtig ist der Traum vom Glück in der großen Stadt - auch Kathie träumt ihn und entflieht der Enge des dörflichen Lebens. Manch eine ist hier schon unter die Räder gekommen, aber sie wird es schon schaffen. Oder? Dunkelhaarig, kräftig und hübsch ist sie, wie die Frauen, die seit einiger Zeit in München und Umgebung spurlos verschwinden. Der Teufel scheint auf dem Fahrrad unterwegs zu sein. Nach dem großen Erfolg ihres Debüts „Tannöd“ erweist sich Andrea Maria Schenkel mit ihrem zweiten Roman als Meisterin des Genres. Auch diesem Kriminalroman liegt ein authentischer Fall zugrunde, den die Autorin stilsicher bearbeitet.

Edition Nautilus 2007, 160 Seiten, kartoniert, 12,90 €

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M.A. Schnack: Der Heiligendamm-Prozess

Frühsommer 2007. Im Ostseebad Heiligendamm findet der G8-Gipfel statt. Die Sicherheitsmaßnahmen reichen ins Uferlose, und massive Repressalien gegen Globalisierungskritik sind dem Treffen vorausgegangen. Auch Frauke und Ruprecht aus Andernach und Friedrich aus Hamburg machen sich auf den Weg zur  Ostseeküste. Für eine Woche  leben sie  in einem der Aktionscamps und beteiligen sich an Demonstrationen und Blockaden. Eingebettet in diese Rahmenhandlung ergänzen sich romanhafte Erzählabschnitte mit politischen Analysen und Beschreibungen der Ereignisse in Heiligendamm zu einem subjektiven Bild, das vielleicht nicht des Literaturnobelpreises würdig ist, aber ziemlich gut wiedergibt, was in der Woche des Anti-G8-Protestes 2007 gelaufen ist. Eine Lesprobe findet sich auf www.maschnack.de unter den entsprechenden Link.

ProBusiness 2009, 228 Seiten, Kartoniert, 12.90 €

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Sarah Schulman: Schimmer

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Stefan Haußmann
Der Roman kontrastiert die Perspektiven einer jungen jüdischen Frau aus der Arbeiterklasse und eines erzreaktionären Klatschjournalisten. Sie kämpft um ihre Existenz und persönliche Integrität, er um politischen Einfluss und um Macht über andere Menschen. Gemixt mit vielen kulturellen Ausschnitten der späten 40er und frühen 50er Jahre in den USA entwickelt sich eine schimmerndes Bild der McCarthy-Ära, die Ära der Hexenjagd auf alle, die zur Blütezeit des Antikommunismus unamerikanischer Umtriebe verdächtigt wurden.
Sarah Schulman vermeidet trotzdem ein simples Gut-Böse-Schema bei ihrer literarischen Darstellung von kapitalistischen, sexistischen und antisemitischen Unterdrückungsmechanismen. Auf einer distanzierten Ebene erlebt die dritte Hauptfigur die Geschichte. 1995, als Bill Clinton gerade das Recht auf Sozialhilfe abschafft, liest eine junge Studentin das Tagebuch ihres Großvaters, dessen Geschichte die der ersten beiden Hauptfiguren immer wieder streift. Als Kind jamaikanischer ImmigrantInnen, hat er nicht wie die Eltern die Flucht vor dem weißen Rassismus ergriffen, sondern kämpft auf der Ebene eines intellektuellen Dramatikers um die Anerkennung schwarzen Theaters im US-Kulturbetrieb, und damit um seine persönliche Identität. »In Amerika war es viel ungefährlicher, Kommunist zu sein als Neger, so viel stand fest «lautet seine Erkenntnis, die ihn allerdings auch nicht daran hindert, patriarchale Privilegien zu pflegen. Aber auch deren Opfer können ihrerseits zu TäterInnen werden, nicht nur in der Hetera-Szene.
Die Autorin irritiert durch abrupte Stilbrüche, stellt damit aber die verschiedensten Ebenen von Macht und Ohnmacht und die Auswirkungen solcher Strukturen auf das persönliche Alltagsleben sehr nachfühlbar dar. Sicherlich einer der tiefgründigsten Romane dieses Jahres.

Argument 2001, 280 Seiten, Karton, 10,50 €

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Anne Seale: Heißes Erbe

Aus dem amerikanischen Englisch von Sonja Finck
Jo Jacuzzo, von Beruf Altenpflegerin, aber kürzlich gefeuert, hat einen Auftrag: Sie soll quer durch die USA von Buffalo nach Florida fahren und die Habseligkeiten einer alten Frau für den Umzug zusammenpacken. Leider bricht unterwegs Jos Auto zusammen. So begegnet sie Charity, einer geheimnisvollen Erbin, deren Charme sie prompt erliegt. Jo lässt sich überreden, Charitys Wohnmobil nach Arizona zu steuern. Doch bald merkt sie, dass ihnen jemand folgt. Jo Jacuzzo folgt ihrer Intuition, verliert den überblick und schliddert direkt in eine verzwickte Intrige, die bedrohlich eskaliert…

Argument 2007, 254 Seiten, kartoniert, 9.90 €

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Sister Souljah: Der kälteste Winter aller Zeiten

Winter wächst als Lieblingstochter eines Brooklyner Gangsta-Bosses in New York auf. Ihr Streben gilt Kohle & Klamotten, Sex & Drugs & Hip Hop, und dabei geht sie über Leichen. Natürlich wendet sich ihr Glück, Papa geht in den Bau, Mutter hängt auf Crack, kein Geld nirgends. Sie landet bei Sister Souljah, die ja schon so einige Kids wieder auf den rechten Weg gebracht hat. Doch bevor sich alles zum Guten wendet verabschiedet sich die Autorin wieder aus ihrem Roman, und Winter macht ihren Weg. Schön ist der nicht, und die Hauptfigur bleibt durch und durch unsympathisch. Die Sprache ist auch krass, und das sind schon drei Gründe dieses Buch nicht zu lesen.
Die jeden Kompromiß vermeidende Perspektivlosigkeit schockiert auch nicht gerade immer mit sorgfältig ausgefeilten Effekten. Aber ganz gewiss spricht die Sister aus einem reichen Erfahrungsschatz über die Sicht derjenigen, deren Leben sie beschreibt. Und dass der Zeitgeist etwas rauher spuken kann, als es den Selbsterfahrungswerten einer weissen Mittelschicht entspricht, ist sicherlich eine lohnende Erfahrung für das leicht angeekelte aber nicht gelangweilte Publikum.
Souljah kommt aus der Bronx. Sie bereiste als eine Stimme der Black Power Bewegung europa und die frühere Sowjetunion. Sie war die weibliche Stimme von »Public Enemy« und verärgerte mit ihren Kommentaren zu den Riots in Los Angeles Bill Clinton persönlich. Sie produziert weiterhin coolen Hip Hop. Ihr Schreibstil ist Anti-Gangsta-Rap.

Heyne 2002, Karton, 415 Seiten, 9,00 €

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Social Fantasies bei Ariadne im Argument Verlag

»Eine Weile entfernt «erschien 1975 als »The female man« und in der deutschen Erstübersetzung als »Planet der Frauen« bei Droemer Knaur. Sie beschreibt die Konfrontation einer Bewohnerin von »Whyleaway« einer Welt, eine Weile entfernt, in der Männer seit neun Jahrhunderten ausgestorben sind, mit der US-Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts, nur eine Weile entfernt von unserer hiesigen und jetzigen. Joanna Russ demontiert souverän Geschlechterrollen und andere vermeintliche Identitäten. Sie macht es zur Notwendigkeit, sich von naheliegenden Lesegewohnheiten eine Weile zu entfernen. Darüber hinaus ist dieses Buch eine Zeitreise, nicht zurück ins Jahr 1975, sondern eine ganze Weile entfernt in die Zukunft.
»Schismatrix« ist 1985 erschienen, aber erstmals ins Deutsche übersetzt. Sterlings Welt ist geprägt vom Konflikt zwischen gentechnischer contra mechanistischer Verlängerung des Lebensalters. Folgerichtig beschreibt das Buch, wie beide Wege konsequent zur Abwesenheit von ethischen oder sinnversprechenden Vorstellungen führen können. Der Konflikt findet durch die Konfrontation mit Außerirdischen seine vorläufige Auflösung in einer posthumanen Gesellschaftsordnung. in der das körperliche Bild des Menschen als Ideal einer intelligenten Bewußtseinsform ausgedient hat. Spannend, intelligent und anschaulich erzählt.
Die Reihe »Social Fantasies« vereint klassische Science-Fiction von Ursula K. LeGuin und Theodor Sturgeon mit den Cyber-Punks John Shirley und Myra Cakan, ebenso wie mit den feministischen Utopien von Marge Piercy und Katherine V. Forrest. Gemeinsam ist fast allen ein spannender Plot, der dazu animiert, die Bücher in einem Rutsch durchzulesen, in Verbindung mit einer linken politischen Aussage, sei es durch die Darstellung der miesen Seiten patriarchaler und kapitalistischer Lebensart oder durch die Gegenüberstellung einer diese überwindenden Gesellschaftsform.

Joanna Russ: Eine Weile entfernt; Argument 2000, Karton, 254 Seiten, 9,10 €
Bruce Sterling: Schismatrix; Argument 2000, Karton, 380 Seiten, 15,00 €

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Franz-Maria Sonner: Die Bibliothek des Attentäters

Wenige Jahre, nachdem die RAF den bewaffneten Kampf für beendet erklärt hat, ist es nunmehr ohne Kriminalisierungsgefahr möglich, sich über Ursachen, Ziele, Begleiterscheinungen und Folgen öffentlich auszulassen. Manch ein Literat oder Filmemacher hat schon versucht, auf diesem erloschenen Feuer sein Süppchen aufzuwärmen.
Auch Franz-Maria Sonner benutzt diese zur Geschichte gewordene jüngste Vergangenheit, aber er macht das gar nicht mal schlecht. Er verschont uns fast gänzlich mit Interpretationen des Wollens und Handelns der RAF. Statt dessen konzentriert er sich einerseits auf einen linken Intellektuellen, der nie zu der Konsequenz findet, sich dem Kampf anzuschließen, mit dem er eigentlich sympathisiert. Der Gegenpol ist ein ehemaliger Oberbulle, von der Politik nicht mehr benötigt und deshalb in die Frührente abgeschoben. Bewacht von hoch technisierten Sicherheitseinrichtungen sitzt diese Horst-Herold-Figur paranoid am Computer und sammelt immer weiter Daten über seine ehemaligen Feinde. Beide verbindet der Bezug zu einem nie aufgeklärten tödlich verlaufenen Anschlag auf einen Politiker, in dessen Biografie die des ehemaligen Nazi-Offiziers Hans-Martin Schleyer und die des früheren hessischen Wirtschaftsministers Karry zusammenfließen.
Ohne den Anspruch auf zeitgeschichtliche Genauigkeit gelingt es dem Autor, aus diesen Zutaten eine spannende Krimihandlung zu entwickeln. Der Plot am Ende wirkt zwar etwas aufgesetzt, aber in diesem Fall ist der Weg das Ziel. Eine auf mehreren Handlungsebenen entwickelte Geschichte vermittelt auf unterhaltsame Weise nicht völlig weichgespülte Einblicke in politische Konfrontationen der letzten drei Jahrzehnte, und nebenbei lässt sich auch noch was über die russische Ausprägung der »Propaganda der Tat« zu Beginn des letzten Jahrhunderts erfahren.

Antje Kunstmann 2001, 240 Seiten, gebunden, 18,90 €

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»Soul fiction« im Atlantik Verlag

»Ich bin unsichtbar, weil man mich einfach nicht sehen will. Wer sich mir nähert, sieht nur meine Umgebung, sich selbst oder die Produkte seiner Fantasie«, klagt der namenlose farbige Held in Ralph Ellisons legendärem black-consciousness-Roman »Invisible Man« von 1952 - und umschreibt damit ein Grundproblem der amerikanischen Gesellschaft: die Stimmenlosigkeit großer Bevölkerungsteile nicht nur in ökonomischer und politischer Hinsicht, sondern auch sozial und kulturell.
Eine Welt voller Unrecht dokumentieren auch jene vier Romane, die der kleine Bremer Atlantik Verlag in einem mutigen Kraftakt binnen weniger Monate stemmte. Um den Farbigen jene Stimme und Sichtbarkeit zurückzugeben, die Ralph Ellison einst einklagte, leistete der Zwei-Mann-Betrieb ein Stück literarische Archäologie in Anlehnung an ein ähnliches Projekt in den USA. Unter dem Titel »Soul fiction« geht es um die deutsche Erstveröffentlichung von afroamerikanischen Romanen aus den 60er und 70er Jahren, die in ihrer Entstehungszeit durchaus Aufsehen erregten, dann aber in der Versenkung verschwanden. Zu Unrecht, denn die Texte sind nicht nur spannend, sondern machen das US-amerikanische Dilemma, das wir zumeist nur in Form von Mord- und Drogenstatistiken kennen, von innen heraus nachfühlbar.
Herbert Simmons »Tanz auf rohen Eiern «(1962) zeigt, wie der junge Raymond eine lange Familientradition von Vergewaltigung, verpufften Karriereträumen, Drogenexzessen aufarbeitet und hinter sich lässt durch den Jazz. In der gebrochenen Trompetenlinie spiegelt sich jene Mischung aus Trauer und Widerstandsgeist, die heute in HipHop-Texten zum Ausdruck kommt. In »Corner Boy« (1957) desselben Autors taucht ein in nächtliches Bar- und Billard-Saloon-Milieu und zeichnet seinen Helden, einen blutjungen Drogendealer, ebenso faszinierend, stolz, stark und schillernd wie chancenlos. Der Autor Charles Perry wollte in seinem »Portrait eines Ertrinkenden« (1962) das gesammelte soziale Unglück mal nicht an der Rassenfrage festmachen. Deshalb siedelt er seine Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Mafioso in einem weißen underdog-Milieu an. Roland Seiten Jeffersons böser Science-Fiction »Die Schule an der 103. Straße« (1974) beschreibt eine hinterhältige Gesellschaft, die sich an der Oberfläche um Integration bemüht, während sie insgeheim eine gruselige Endlösung des Rassenkonflikts vorbereitet.

Roland Jefferson, Die Schule der 103. Straße, Atlantik 1999, 208 Seiten, Karton, 12,80 €
Charles Perry, Portrait eines Ertrinkenden, Atlantik 1999, 397 Seiten, Karton, 15,00 €
Herbert Simmons, Corner Boy, Atlantik 1999, 276 Seiten, Karton, 13,50 €
Herbert Simmons, Tanz auf rohen Eiern, Atlantik 1999, 226 Seiten, Karton, 12,80 €
John A., Williams, Clifford Blues, Atlantik 2001, 350 Seiten, Karton, 15,00 €

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Art Spiegelman: Die vollständige MAUS

Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Brink und Josef Joffe
Die Geschichte von Maus veränderte über Nacht die Geschichte des Comic Strips - aus Kult wurde Kunst. Berichtet wird die authentische Lebensgeschichte des polnischen Juden Wladek Spiegelman. In Queens, New York, schildert er seinem Sohn die Stationen seines Lebens: Polen und Auschwitz, Stockholm und New York, er erzählt von der Rettung und vom Fluch des überlebens. Art Spiegelman hat diese Geschichte aufgezeichnet, indem er das Unaussprechliche Tieren in dem Mund legt: Die Juden sind Mäuse, die Deutschen Katzen.
Lange vergriffen, sind die ursprünglichen zwei Teile jetzt in einem Comic-Band vereint.

Fischer 2008, 300 Seiten, Kartoniert, 14.95 €

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Heinrich Steinfest: Mariaschwarz

Gibt es die perfekte Beziehung? Am ehesten wohl bei jener Symbiose, die ein Wirt und sein Gast eingehen. Wie zwischen Job Grong, dem Wirt, und Vinzent Olander, seinem Gast. Bis zu dem Tag, als Grong ihn vor dem Ertrinken in einem See rettet. Danach ist alles anders. Der See ist ein tiefes Gewässer, das den Namen Mariaschwarz trägt und von dem die Einheimischen meinen, in ihm würde sich nicht nur das Weltall spiegeln, sondern auch ein Ungeheuer beheimatet sein. Als man ein Skelett aus jenem See birgt, ruft das den Wiener Kriminalinspektor Lukastik auf den Plan. Mit famoser Arroganz und gewohnt unkonventionellen Ermittlungsmethoden tritt er in das Leben der Dorfbewohner und stellt Mariaschwarz gewissermaßen auf den Kopf. Doch an manchen Beziehungen gibt es nichts zu rütteln.

Piper, 2008, 315 Seiten, Gebunden, 16.90 €

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Neal Stephenson: Confusion

Aus dem amerikanischen Englisch von Juliane Gräbener-Müller u. Nikolaus Stingl

Der zweite Teil der Barock-Trilogie nach Quicksilver: Europa Ende des 17. Jahrhunderts. An der Schwelle zur Moderne kämpft die Welt mit dem Chaos, und der Einzelne wird leicht zur Schachfigur im Kräftespiel der Mächtigen. Doch Glücksritter wie Jack Shaftoe, selbsternannter König der Vagabunden, und Eliza, einst Gefangene in einem türkischen Harem und nun Hofdame Ludwigs XIV., trotzen mit List, Mut und Abenteuergeist den Capricen eines launischen Schicksals. Ein Romanepos wie kein zweites: prall gefüllt mit historischen Begebenheiten, wissenschaftlichen Errungenschaften, exotischen Schauplätzen, finsteren Schurkenstreichen, grossen Heldentaten und echten Liebesbeweisen.

Goldmann 2008, 1017 Seiten, Kartoniert, 13.00 €

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Neal Stephenson: Cryptonomicon

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl.
Der Autor, bekannt durch seinen Cyberpunk-Roman Snow-Crash, hat hiermit erneut ein gigantisches Werk vorgelegt. Am Thema Kryptologie entwickelt er zwei Handlungsstränge, einen aus der Sicht verschiedener Dechiffrierexperten im zweiten Weltkrieg, den anderen aus der Sicht einer Gruppe von Hackern, die 50 Jahre später mittels modernster Verschlüsselungsmethoden einen sicheren Datenhafen schaffen wollen.
Diese zwei Geschichten verbinden sich bei der Jagd nach einem gigantischen Goldschatz, den die japanische Regierung mit Unterstützung von Nazi-Deutschland in der Endphase des zweiten Weltkrieges angelegt hatte. Die zum Teil brüllend komisch und immer spannend erzählte Geschichte vermittelt ganz nebenbei auch noch so manches über die Grundlagen der heutigen Datenverarbeitung und die Anwendung nahezu unentschlüsselbarer Codes mit einfachsten Mitteln.

Goldmann 2003, 1180 Seiten, kt., 13,00 €

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Ingrid Strobl: Tödliches Karma

Katja Leichter, freie Journalistin und praktizierende Buddhistin, ist pleite. Aber anstatt neue Aufträge zu akquirieren, verbringt sie ihre Zeit damit, ihre neue Freundin Nele Achtsamkeits-Meditation zu lehren. Doch dann wird Nele von der Polizei gesucht: Ihr ehemaliger Dealer wurde ermordet, und auf der Tatwaffe sind ihre Fingerabdrücke. Nele taucht ab, Katja macht sich auf die Suche nach dem wahren Mörder. Und gerät in Teufels Küche. Ingrid Strobl (www.ingrid-strobl.de) erlangte in den 80ern Popularität, als sie wegen angeblicher Unterstützung der „Revolutionären Zellen“ verurteilt wurde und während ihrer Inhaftierung das Buch „Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung“ veröffentlichte. Ein Klassiker in unserem Antfaschismus-Regal. Nach vielen völlig unterschiedlichen Büchern hat sie jetzt ihren ersten Krimi geschrieben. Warum nicht!

Emons 2008, 255 Seiten, kartoniert, 9.90 €

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Paco Ignacio Taibo II: Die Rückkehr der Schatten

Der Autor ist nicht nur der beste Che Guevara Biograf, sondern auch Schöpfer zahlreicher Krimis und anderer Romane. Soeben ist sein neuester auch auf deutsch erschienen. In „Die Rückkehr der Schatten“ führen, ebenso wie in Taibos bisher besten Buch „Vier Hände“, verschiedene Handlungsfäden auf zum Teil recht verschlungenen Wegen zum furiosen Finale: Während des zweiten Weltkriegs versucht ein Netzwerk aus einheimischen und eingeschleusten Nazis in Mexiko Fuß zu fassen. Ein Haufen skurriler Gestalten versucht, diesem Treiben ein Ende zu bereiten und seinen Teil zur Befreiung vom Faschismus beizutragen. In einer mit esoterischen Nazi-Reliquien vollgestopften Pyramide in Chiapas kommt es schließlich zum entscheidenden Kampf.
Es verlangt schon etwas Durchhaltevermögen und Freude an anarchischer Verquickung von Fiktion und Wirklichkeit, um in dieser komplexen Story nicht den überblick zu verlieren. Zum Glück gibt das Nachwort des Autors einige Hinweise, was von den im Buch geschilderten Ereignissen historisch belegt und was (höchstwahrscheinlich) nur erfunden ist, wobei auch so einiges, was es tatsächlich gegeben hat, kaum zu glauben ist.

Assoziation A 2004, 399 Seiten, gebunden, 24,00 €

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Paco Ignacio Taibo II: Olga Forever

Aus dem Spanischen von Horst Rosenberger
Mal wieder ein Krimi. Eigentlich sogar zwei Krimis. Denn zwei Kriminalerzählungen enthält das neueste ins Deutsche übersetzte Buch von Pit II. Zurück zu den Wurzeln, denken sich die, die den Autor nicht nur wegen seiner Werke über das Leben Che Guevaras kennen, sondern auch schon die klassischen Krimis über den mexikanischen Privatdetektiv Hector Belascoaran Shayne zu schätzen wußten. Aber Hector ist (wohl endgültig) tot, hier kommt Olga. Pit II versucht etwas völlig Neues zu schreiben. Krimis mit einer weiblichen Hauptperson, einer jugendlichen noch dazu.
Olga ist Anfang zwanzig, schlägt sich als angehende Journalistin mit Mac-Jobs durchs Leben, stolpert eher zufällig über Verbrechen und geht an die Aufklärung ihrer Fälle mit einer Unbekümmertheit heran, die wenig mit dem abgeklärten Zynismus von Taibos Alter Ego Hector Belascoaran Shayne zu tun hat. Trotzdem kommt immer wieder das Gefühl auf, zumindest eine Geistes-Verwandte des Alt-68er-Privatdetektivs vor sich zu haben. Aber vielleicht liegt das am Ort der Handlung. Die eigentliche Hauptperson ist wieder mal Mexico City, jene dschungelartige 14- bis 20-Millionen-Metropole, beherrscht von korrupten Politikern, brutalen Bullen und geheimnisvollen Doppel- und Dreifachagenten. Diese sorgen im Auftrag der CIA und des Vatikans dafür, daß die Gerechtigkeit niemals siegen kann, solange die Stadt und das Land von der Partei der institutionalisierten Revolution beherrscht wird (auch wenn sich der Kapitalismus jetzt Neoliberalismus nennt).
Spannend und witzig und auf der richtigen Seite der Barrikade steht das Buch in jedem Falle. Ob aber der Versuch gelungen ist, aus der Perspektive einer jungen Frau zu schreiben, bezweifelt der (männliche und mittelalte) Rezensent.

Edition Nautilus 1998, gebunden, 192 Seiten, 15,80 €

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Manjushree Thapa: Geheime Wahlen

Aus dem Englischen von Philipp P. Thapa
Rishi ist in der Großstadt Kathmandu ein Zugereister ohne Beziehungen, der sich mehr schlecht als recht mit Nachhilfestunden in Geschichte durchschlägt. Entwurzelt und perspektivlos kehrt er zur Kommunistischen Partei (UML) und in sein Heimatdorf zurück, wo er im Wahlkampf eine konkurrierende Partei ausspionieren soll. Dort versucht die junge Witwe Binita, sich mit einem Leben am Rand der Gesellschaft abzufinden. Um sich, ihre kleine Tochter und eine Cousine zu ernähren, betreibt sie einen kleinen Teeladen und erregt damit den Unmut ihrer Verwandten. Der Schlüsselroman der jüngsten nepalesischen Literatur erstmals im Taschenbuch.

Unionsverlag 2009, 507 Seiten, Kartoniert, 12.90 €

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Scarlett Thomas: Troposphere

Aus dem Englischen von Jochen Stremmel
Wenn dieses Buch dich umbringen könnte - würdest du es dann lesen? Als die Studentin Ariel Manto in einem Antiquariat auf eine Ausgabe von „The End of Mister Y“ stößt, traut sie ihren Augen kaum. Sie weiß, dass dieses Buch überaus selten ist. Und dass angeblich bisher niemand die Lektüre überlebt hat. Ariel glaubt nicht an Flüche. Unerschrocken vertieft sie sich selbst in die aberwitzige Geschichte des Mister Y, der mithilfe eines Elixiers in eine andere Dimension reist: die Troposphäre, sprich die Gedankenwelt der ganzen Menschheit. Ariel glaubt auch nicht an Wunderdrogen, dennoch startet sie einen Selbstversuch - und ahnt nicht, was sie dabei aufs Spiel setzt. Irre spannend, eine Mischung aus Jasper Ffordes „Thursday Next“-Romanen und Tad Williams „Otherland“.

Rowohlt 2009, 571 Seiten, Kartoniert, 9.95 €

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Ahmet Ümit: Nacht und Nebel

Mine, die heimliche Geliebte des Geheimdienstmitarbeiters Sedat, ist verschwunden. Er selbst hat bei der Aushebung eines Terroristenunterschlupfs kaltblütig auf Fliehende geschossen. Gibt es zwischen diesen beiden Ereignissen einen Zusammenhang? Sedat, der nur knapp einem Attentat entkommen ist, macht sich auf die Suche. Sie führt ihn in Istanbuls Künstlerszene, in die Schattenwelt der Kinderprostitution und Kleinstadtganoven. Kategorien wie „Gut“ und „Böse“ lösen sich auf. Das herrschende System verliert für Sedat Tag für Tag an Glaubwürdigkeit. Je näher er der Lösung des Falls kommt, desto mehr zerfällt seine Selbstsicherheit. In einem furiosen Finale bricht seine Lebenslüge zusammen. Mehr hier

Unionsverlag 2008, 368 Seiten, Kartoniert, 9.90 €

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Milos Urban: Die Rache der Baumeister - Ein Kriminalroman aus Prag

Übersetzt von Eva Profousova und Beate Smandek
Wer Schauerromane liebt und gerne das Foucault’sche Pendel gelesen hat, wen Prag interessiert, literarische Kriminalromane und Architektur, der oder die wird mit Genuss dieses wunderbare Buch lesen!
Kv?toslav Švach, Historiker ohne Universitätsabschluss und in Unehren aus dem Polizeidienst entlassener Polizist, streift durch das Prag des ausgehenden 20. Jahrhundert. K., wie Švach sich nennt, war von klein auf ein Einzelgänger, ein Misanthrop, der sich eher für historische Ereignisse interessierte, als für das, was um ihn herum geschah. Vollkommen besessen widmete er sich der Vergangenheit, versuchte er durch die Geschichtsschreibung hindurch den Alltag des Mittelalters zu erfassen und erspüren. So kann er als Begleitung von dem Ritter von Lübeck, alias Mathias Gmünd, die Stadthistorie durch zahlreiche Legenden lebendig werden lassen.
Die goldene Stadt, einst voller prächtiger Bauten, heute durch Plattenbauten und andere verrückte Stadtplanereien verbaut, erscheint durch die Augen Švachs gesehen gar wunderlich, zahllose Geheimnisse bergend. Der »einzige Fußgänger, Pilger, Anhalter« Prags streift durch die Stadt und wir wissen oft nicht, wie wir die rätselhaften Ereignisse, die er uns schildert, zu verstehen sind.
Gmünd, ein Riese, dessen komischer Diener Prunslík einem Gnom zu gleichen scheint, Naphta, der Polizeichef, aus dessen Ohren in den unpassendsten Momenten eine dicke Flüssigkeit herausquellt, Rosetta, die geheimnisvolle schöne Kollegin, die abergläubische Vermieterin: alle Figuren des Romans sind Teil eines höchst dramatischen Geschehens, das ganz in der Tradition der gruseligen Schauerromane des ausgehenden 18. Jahrhunderts geschrieben ist. Švach wird vorübergehend wieder in den Polizeidienst aufgenommen und dabei in eine Serie von brutalen Morden verwickelt. Gleichzeitig arbeitet er für den dubiosen Gmünd. Ein Tölpel mit magischen Kräften, ein Verlierer in der Moderne, ein Antiheld, der als einziger den Schlüssel zu dem rätselhaften Geschehen in der goldenen Stadt besitzt.
Milos Urban hat mit »Die Rache der Baumeister« einen phantastischen Roman vorgelegt. Seine Sprache ist wunderbar reich und wurde durch die Übersetzung von Eva Profousovà und Beate Smandek hervorragend übertragen.

Rowohlt 2003, 380 Seiten, Karton, 8.90 €

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Fred Vargas: Die dritte Jungfrau

Aus dem Französischen von: Julia Schoch
Adamsberg hat ein altes, kleines Haus mitten in Paris erworben. Doch in dem Haus spukt es, sagt der Nachbar. Der Schatten einer männermordenden Nonne aus dem 18. Jahrhundert schlurft des nachts über den Dachboden. Gehört hat der Kommissar das schon, aber was macht ihm das aus, wo er es doch mit viel gegenwärtigeren, furchtbaren Schatten zu tun hat. Einem zum Beispiel, der in einer Pariser Vorstadt zwei kräftigen Männern mit einem Skalpell die Kehle durchgeschnitten hat. Was keiner außer ihm sieht: Beide haben Erde unter den Fingernägeln. Wonach haben sie gegraben, das sie das Leben kostete? ...
Vargas' neues Buch ist nicht nur, wie immer, ein überaus spannender, hochdramatischer Kriminalroman - er ist große Literatur.

Aufbau 2008, 474 Seiten, Kartoniert, 9.95 €

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Barbara Vine: Heuschrecken

Clodagh Brown hasst U-Bahnen und Keller und liebt Dächer und gefährliche Klettertouren. Nach einem schrecklichen Erlebnis kommt sie nach London um zu studieren. Dazu kommt es allerdings nicht, denn auf den Dächern Londons erlebt sie mit ihren neuen Freunden Faszinierendes & Erschreckendes. Der neue Thriller von Barbara Vine (auch bekannt als Ruth Rendell) ist nicht nur durch die Höhe atemberaubend & verblüffend.

Diogenes Verlag 2003, 643 Seiten, Karton, 12,90 €

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Abdourahman A. Waberi: In den Vereinigten Staaten von Afrika

Aus dem Französischen übersetzt von Katja Meintel

In den Vereinigten Staaten von Afrika herrscht der Fortschritt. Afrikanische Finanzmärkte geben den Takt vor, bezahlt wird weltweit mit der AfriCard. Afrikanische Universitäten bilden die Elite der Wissenschaft aus. Die Einzigen, die vielleicht nicht gleichgültig gegenüber den Millionen von Elendsflüchtlingen aus dem Norden sind, die verzweifelt an ihrer Grenze auflaufen oder halbtot an den Stränden von Djerba und Algier aufgegriffen werden, sind die Künstler.
Auch die junge Malerin Maya hat sich der Parole „Eine andere Welt ist möglich“ verschrieben. In der Normandie geboren und von einem gutmeinenden Paar in Asmara adoptiert, begibt sie sich nach dem Tod ihrer Adoptivmutter auf die Suche nach ihren eigenen Wurzeln. Doch leider ist ihre leibliche Mutter so alt, verarmt und zahnlos, dass Maya ihr zwar eine lebenslange Rente aussetzt, dann aber schnell nach Eritrea zurückkehrt, um dort die Eindrücke ihrer Reise künstlerisch umzusetzen.

Edition Nautilus 2008, 160 Seiten, Gebunden, 16.00 €

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Corinna Waffender: Tod durch Erinnern

Die 36-jährige Maike Ebling wird vergiftet im Berliner Tiergarten aufgefunden. Die Ermittlungen von Hauptkommissarin Inge Nowak führen nach Granada: Wurde die Ökologin zur Bedrohung für einen profitsüchtigen Solarzellenhersteller in der Sierra Nevada, ist der Täter unter ihren ehemaligen Studenten zu suchen oder hatte ihre andalusische Geliebte ein Motiv, sie umzubringen? Was hatte Maike Ebling zu verbergen und mit wem traf sie sich kurz vor ihrem Tod? Inge Nowaks erster Fall konfrontiert sie nicht nur mit der erschütternden Vergangenheit des Opfers, sondern verändert auch ihr eigenes Leben: Auf den Spuren der Toten verliebt sich die Kommissarin Hals über Kopf. Corinna Waffender erzählt in ihrem ersten Kriminalroman von Schuld und Vergebung, von Verantwortung und Kontrollverlust, von Rache und Leidenschaft. Gewohnt stilsicher verbindet die Autorin dabei spannende Unterhaltung mit anspruchsvoller Literatur.

Quer Verlag 2009, 224 Seiten, Kartoniert, 12.90 €

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Corinna Waffender: Flüchtig bleiben

Auf der Flucht vor ihrer lateinamerikanischen Vergangenheit als Guerilla-Kämpferin versucht die 28jährige Toni einen Neuanfang. Zu den persönlichen Erinnerungen der Aussteigerin zählt auch ein politisches Geheimnis: Sie weiß zu viel und muss sich in Berlin verstecken. Toni taucht in die Illegalität ab und vor der Tür der zwölf Jahre älteren Katharina auf. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebe, die keine Ruhe findet: Wer ist Toni und was verbirgt sie? Darf Katharina ihren Gefühlen trauen? Kann sie Toni vor der Ausweisung retten? Angst und Glück halten die beiden ungleichen Frauen in Atem, bis etwas gänzlich Unvorhergesehenes geschieht und selbst das flüchtige Bleiben auf dem Prüfstand steht.
Eine Leseprobe gibt es hier.

Querverlag 2007, 189 Seiten, kartoniert, 14,90 €

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Angel Wagenstein: Pentateuch oder die fünf Bücher Isaaks

Aus dem Bulgarischen übersetzt von Barbara Müller
»Pentateuch «bezeichnet ursprünglich die fünf Bücher Mose; hier wird das Leben eines kleinen, unbedeuteten Menschen erzählt, das sich in fünf Abschnitte, seine fünf aufeinander folgenden Staatsangehörigkeiten einteilt. Es ist das Leben des österreichisch-ungarischen Untertans Isaak Jakob Blumenfeld aus Kolodez bei Drogobytsch in Galizien, der in diesem armen Schtetl als Schneider hauptsächlich damit beschäftigt ist, Kaftane zu wenden, statt sie zu flicken und ansonsten von der großen weiten Welt, oder wenigstens von Wien, zu träumen. Oder von Rothschilds, die vielleicht alles zum Besten wenden werden. Dann beginnt der erste Weltkrieg und mit seinem Ende das Leben als Pole. Nach dem Überfall der Sovietunion mutiert er vom Kleinbürger zum »Vorkämpfer des Proletariats« und sein Freund, der Rabbi Schmuel Bendavid, wird Vorsitzender des Atheistenclubs. Mit dem Einmarsch der Deutschen beginnt das absolute Grauen und für Isaak eine Odyssee durch zwei Konzentrationslager und halb europa- die allerdings mit dem Sieg der Roten Armee nicht endet, sondern weitergeht bis zum Nordkap.
All die Leiden und Gräuel während der Shoah und des Gulag-Aufenthalts werden mit einer Mischung aus Galgenhumor, distanzierter Ironie und jüdischem Witz erzählt, die einem oft genug das Lachen im Halse stecken bleiben lässt. Ein wunderbares Buch!

btb 2001, 285 Seiten, Karton, 8,50 €

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Frank Westermann: El Negro

Aus dem Niederländischen von Stefan Häring und Verena Kiefer
In einem Museum in Spanien entdeckt Westerman 1983 einen ausgestopften Afrikaner. Er folgt dem Weg, den »El Negro« gegangen ist: von Afrika über Paris bis in die Pyrenäen. Die Recherchen konfrontiert er mit Erfahrungen aus Peru, Sierra Leone, Jamaika und Südafrika. El Negro ist Kolonialgeschichte, Kriminalstory, literarische Reisereportage und Entwicklungsroman in einem.

BVT 2007, 240 Seiten, Karton, 8,90 €

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Tad Williams: Otherland I & II

Übersetzt von Hans-Ulrich Möhring
Der 42-jährige Kalifornier Tad Williams sieht aus wie eine jüngere Ausgabe von T.C. Boyle mit Glatze und hat einen ähnlich flüssigen, spannenden und witzigen Erzählstil. Williams ist allerdings eher aus der Kategorie Fantasy bekannt, und in diesem Rahmen ist ein Vergleich mit Tolkiens Herr der Ringe und de Larrabeitis Borribles nicht unangebracht. Otherland ist aber auch Science-Fiction, irgendwo zwischen dem Wüstenplaneten und dem N€mancer. Otherland ist die Wassermusik der Microsklaven. Die Zutaten stehen bereit, der Cocktail wird gemixt: Die Handlung spielt hauptsächlich in der virtuellen Welt eines weltumspannenden Computernetzwerks. Immer mehr Kinder und Jugendliche bleiben in dieser Welt hängen, fallen in tiefe Bewußtlosigkeit und bewegen sich nur noch als virtuelle Erscheinung im Netz. Eine Gruppe von Angehörigen und FreundInnen macht sich auf, die Ursache herauszufinden. Die Spur führt in einen separaten Bereich des Netzes, eine bizarre und schreckliche elektonische Wunderwelt, beherrscht von den Mächtigen der Erde: Die Spur führt nach Otherland.
Verschiedene Handlungsstränge laufen parallel, treffen sich und gehen wieder auseinander. Jedes Kapitel baut eine fast unerträgliche Spannung auf und endet mit einem Cliffhanger. Wieder und wieder schafft Tad Williams eine Situation, die es fast unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen. Das ist ein Problem. Otherland ist auf vier Bände angelegt, und erst zwei sind erschienen. Die ganze Geschichte wird erst im Frühjahr 2000 zu lesen sein. Werden die finsteren Pläne der Mächtigen dieser Erde durchkreuzt werden? Werden die Guten siegen???

Klett-Cotta 1998 & 1999, gebunden, 919 Seiten & 780 Seiten, je 25,50 €

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Tad Williams: Otherland III - Berg aus schwarzem Glas

Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Hans Ulrich Möhring
Wer die ersten beiden »Otherland«-Bände gelesen hat, wartete garantiert mit Ungeduld auf die Fortsetzung dieses sprühenden Feuerwerks der Phantasie. Das lange Warten hat sich gelohnt: Endlich ist der »Berg aus schwarzem Glas« erschienen, und er erfüllt die hohen Erwartungen vollkommen. Er führt uns hinein in die übertechnisierte Welt des 21. Jahrhunderts, in der fast jegliche Kommunikation über das »Netz« geschieht, in der die Menschen den größten Teil ihrer Zeit im »Netz« verbringen, ja, in der sie fast nur noch in dieser virtuellen Welt des »Netzes« leben- und manchmal auch sterben. Kinder, die im »Netz« spielen, fallen in der wirklichen Welt ins Koma, reihenweise, wie sich herausstellt. Ihre Körper leben noch, doch ihr Sein, ihr Ich, ihre Seele, wenn man so will, bleibt im »Netz« gefangen. Doch von wem? Und zu welchem Zweck?
Einige Angehörige und FreundInnen machen sich auf den Weg, die Kinder im Netzwerk, wiederzufinden und stoßen dabei auf Hindernisse und Gefahren, von deren Existenz sie nichts geahnt hatten. In einem Hochsicherheitstrakt des »Netzes«, dem »Otherland«, einer bizarren, faszinierenden und schrecklichen elektronischen Wunderwelt, laufen die verschiedenen Fäden der Geschichte zusammen. »Otherland« gehört einem exklusiven Club einiger der reichsten und mächtigsten Männer der Welt, der Gralsbruderschaft. Und illegales Eindringen ist höchst gefährlich.
Im dritten Band kommt heraus, wofür dieses »Otherland« gebaut wurde und man bekommt eine Ahnung davon, was mit den geraubten Seelen der Kinder geschehen sein könnte. Hatte der zweite Band leider einige Längen aufzuweisen, ist der dritte der bisher spannendste, die Geschichte erhält neues Tempo, denn die Zeit wird knapp: Die Gralsbruderschaft holt zum letzten Allen, die »Otherland« noch nicht kennen und sich für eine höchst spannende, fulminante Mischung aus Science-Fiction, Krimi, Fantasy, philosophisch-kritisch-nachdenklicher Zukunftsvision und virtuellem Road Movie begeistern können, sei es wärmstens empfohlen. Aber Vorsicht! »Otherland« macht süchtig.

Klett-Cotta; 2000; gb., 825 Seiten, 25,50 €

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Tad Williams: Otherland IV

Endlich übersetzt, der vierte und letzte Band über den Kampf gegen die Reichen und Mächtigen im weltumfassenden Computernetzwerk Otherland. Atemberaubende Spannung bis zur letzten von mehr als 4000 Seiten. Urlaub nehmen und lesen...

Klett-Cotta 2002, 1069 Seiten, Gb., 25,50 €

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Sargon Youkhana: Die Affäre Königsmarck

Hannover, Ende des 17. Jahrhunderts: Während am Hof des Kurfürsten Ernst August Karneval gefeiert wird, verschwindet unter mysteriösen Umständen der schillernde Graf Königsmarck. Was steckt dahinter? Spielschulden? Oder hat ihn seine fatale Liebe zur Kurprinzessin ins Verderben geführt? Gemeinsam mit dem Bauernmädchen Marie versucht Antoine de Montagnac, das Geflecht der Intrigen und Geheimnisse zu durchdringen. Sargon Youkhana wurde 1967 in Bonn geboren. Nach längeren Aufenthalten in den USA und Großbritannien, lebt er heute in Köln und arbeitet als Autor für verschiedene Fernsehserien.

List 2009, 416 Seiten, Kartoniert, 8.95 €

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Raul Zelik: Berliner Verhältnisse

Mit diesem Roman landete des Buchladens Lieblingsautor immerhin auf der Auswahlliste zum deutschen Bücherpreis. Darin wird eine Geschichte aus dem Erzählungsband „Grenzgängerbeats“ fortentwickelt, in der eine Berliner Autonomen-WG zum Inkasso-Unternehmen mutiert. Der Versuch, für befreundete rumänische Bauarbeiter die ausstehenden Lohngelder einzutreiben, verläuft ungeahnt erfolgreich, so dass immer mehr Kundschaft daran interessiert ist, die Dienste der alternativen Geldeintreiber zu nutzen. Aber keine innovative Geschäftsidee bleibt alternativ, einmal auf der Karriereleiter aufgestiegen, möchte man den Erfolg so leicht nicht mehr aufgeben. Doch der Wind weht rauher und die Widersprüche werden offensichtlich.
Raul Zeliks neues Buch ist eine Komödie, versucht richtig witzig zu sein und ist dabei fast immer erfolgreich. Und den Wiedererkennungswert bei zahlreichen WG- und Polit-Szenen wird unser Zielpublikum sehr zu schätzen wissen.

Blumenbar 2005, 18,00 €

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Raul Zelik: Grenzgängerbeatz

Grenzen auf für alle: elf Storys aus vier Kontinenten, Südamerika, Nordafrika, Baskenland, Berlin.
Ja, Berlin ist mindestens ein ganzer Kontinent, aber auch Flensburg und Iserlohn werden lobend erwähnt. Die Geschichten sind teilweise selbst erlebt, teilweise nacherzählt, spannend, lustig, und ein bisschen was zum Nachdenken gibt es auch immer. Wenn Gül, die Rose, allen sozialarbeiterischen Bemühungen zum Trotz, nach erfolgreichem Ausbruch aus patriarchalisch-feudalistischen Ehe- und Familienstrukturen, sich wieder mit dem Elternhaus konfrontiert und wider LeserInnens Erwartung nicht von der Familie verstoßen und vom fundamentalistisch-brutal geprägten Bruder, genannt Hassan der Metzger; hingemeuchelt wird, kommt doch langsam die Frage auf, welchen Strukturen eigentlich die eigenen Erwartungshaltungen entstammen.
Und auch die des Autors werden in den autobiografisch gefärbten Erzählungen grandios von einer unglaublich authentisch beschriebenen Wirklichkeit konterkariert. Wenn die einzige freie Zoowärterlehrstelle sich in Guayana befindet, und der Arbeitsweg vom Norden der USA übers Dreiländereck zwischen Brasilien, Guayana und Venezuela führt, können wir uns sehr gut vorstellen, wie es dort aussieht: es regnet, und zwar ununterbrochen. Diese traurige Realität erinnert an die so genannte Arbeitsmarktsituation und lässt tief nachemfinden, was die Verschärfung des Arbeitslosenrechts für Folgen haben kann.
Es geht um Fremdheit, andere/s als fremd wahr zu nehmen und sich selbst fremd fühlen, Grenzen zu erkennen und Grenzen zu überschreiten. Nach zwei Romanen und hat Raul Zelik sich nochmals gesteigert und einen verdammt kurzweiligen Erzählungsband rausgebracht, der zudem im Gegensatz zur gängigen Popliteratur über den eigenen Horizont weit hinaus reicht.

Assoziation A 2001, 204 Seiten, gebunden, 15,25 €

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Raul Zelik: La Negra

Mit La Negra schrieb Raul Zelik nach Friß oder stirb langsam seinen zweiten Roman. Es ist eine Art Politthriller, dessen Hauptschauplatz in Kolumbien liegt. Es ist ein Roman, der die brutale Wirklichkeit dieses riesigen Landes mit eine großen Portion Witz und einem noch größeren Anteil an fundierter Kenntnis des Landes schildert. Der Autor hat das Land über einen Zeitraum von mehreren Jahren jeweils für mehrere Monate bereist und sein detailliertes Wissen hervorragend eingesetzt. Herausgekommen ist ein Thriller, der lebendig mehrere Erzählperspektiven miteinander verknüpft und mit einem fulminanten Showdown endet.
Es ist die Geschichte eines Projekts der ELN, einer der zwei großen Befreiungsorganisationen Kolumbiens, dessen Planung aus der Sicht von drei Mitgliedern erzählt wird. Es ist die Geschichte Luisas, einer Brasilianerin, die seit sechs Jahren in der ELN kämpft, und Flacolocos, der unsterblich in Luisa, La Negra, verliebt ist. Außerdem spielt Ricardo, der arrogante Kopf dieser Einheit der ELN, der auch La Negra und Flacoloco angehören, eine Rolle. Scheinbar zusammenhangslos erfahren wir die Geschichte zweier US-Missionare der Vereinigten Pfingstlerkirche des 7. Tages, eines kolumbianischen Generals, eines Botschafters in Belgien, einer Esslinger Telefonistin in Brüssel und noch vieler Gestalten mehr, die eine dubiose Rolle in diesem Roman spielen.
Nach Zuschlagen des Buches liegen nicht nur äußerst spannenden Stunden hinter der Leserin und dem Leser. Auch die Geschichte und der Alltag des Landes, das in den westlichen Nachrichten in erster Linie mit Drogen und Rebellenkämpfen verbunden wird, ist zum Greifen nah geworden. Mit diesem Roman ist Raul Zelik ein phantastisch komponierter, spannender Krimi gelungen.

Edition Nautilus, 2000, Seiten, Karton, 15,80 €

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Raul Zelik: Bastard - Die Geschichte der Journalistin Lee

Carla Lee, in Dortmund aufgewachsene Tochter einer Portugiesin und eines Koreaners, hat die Schnauze voll von Deutschland und 12 Semestern sinnentleertem Studium. Sie macht sich auf nach Seoul, um als ”freie” Journalistin einen Neuanfang zu machen.

Trotz der Unterstützung ehemaliger GenossInnen ihres Vaters und einer alten Freundin stößt sie ziemlich schnell an Grenzen. Ihre Recherchen über einen Immobilienskandal stoßen auf Desinteresse oder Abwehr. So genau möchte doch niemand wissen, was sich hinter der Fassade des demokratischen Koreas an schmutzigen Geschäften so abspielt. Auch die Demokratie hat Grenzen. Politische Polizei und Ausländerbehörde sorgen dafür, dass dies nicht in Vergessenheit gerät, wie Carla am eigenen Leib erfahren muss.

Überhaupt, auch der eigene Leib hat so seine Grenze, und Carla hat sich diese bei 46 Kilo gesetzt. Carla ist bulimisch, und ein Großteil ihres Denkens dreht sich um Kalorien, Essen und Hunger. Hinter dem realen Hunger steht auch der Hunger nach Sinn, und der erfüllt sich auch nicht durch ihren scheinbaren Neuanfang in der fremden Heimat. All dies reflektiert sie auf weiteren Handlungsebenen, in ihren Gedanken, in ihren Fantasien als Catwoman in Gotham-City oder in Mail-Wechseln mit ihrem alten Freund Cem, Sohn eines türkischen Gemüsehandelehepaars in Iserlohn, der auch nirgends wirklich daheim ist.

”Bastard” bietet nicht die klassischen Spannungsplots wie in Raul Zeliks ersten Romanen. Er vermittelt stattdessen, anknüpfend an den Erzählungsband ”grenzgängerbeats”, eindringliche Grenz- und Fremdheitserfahrungen und geht dabei spielerisch unter die Oberfläche üblicher Lesegewohnheiten. Sein bisher bestes Buch.

Assoziation A 2004, 237 Seiten, Karton, 15,00 €

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